Musiktheorie
INTERVALLE
Prime
Charakter
Die Prime ist kein Intervall im eigentlichen Sinne, sondern der Zusammenklang zweier identischer Töne. Sie gilt als die vollkommenste aller Konsonanzen — die einzige, bei der buchstäblich keine Schwebungen, keine Reibung und keine Spannung entstehen. Beide Töne schwingen mit exakt derselben Frequenz im Verhältnis 1:1 und verschmelzen zu einem einzigen, ungeteilten Klang.
In der Musiktheorie ist die Prime der Ausgangspunkt jeder Intervallbildung: Alle anderen Intervalle werden als Abstand zur Prime gemessen. In der Komposition wird sie bewusst eingesetzt, wenn mehrere Stimmen oder Instrumente denselben Ton spielen — etwa um eine Melodielinie zu verstärken (Unisono) oder eine Klangfarbe durch Verdopplung zu mischen (z. B. Geige + Flöte auf demselben Ton).
Obwohl die Prime keine harmonische Bewegung erzeugt, ist sie kompositorisch wichtig: Sie liefert den Ruhepunkt, von dem aus jede melodische oder harmonische Reise beginnt — und zu dem sie idealerweise zurückkehrt.
Griffweise
Die Saite schwingt in ihrer vollen, unverkürzten Länge. Es wird nicht gegriffen, kein Bund gedrückt — die offene Saite klingt frei. Das Saitenlängenverhältnis ist 1/1 (also: keine Verkürzung), und entsprechend bleibt die Frequenz unverändert (Faktor × 1,000).
Auf der Gitarre entspricht dies dem Anschlagen einer Leersaite. Bei einer hohen E-Saite (Frequenz 329,63 Hz) bleibt der Klang exakt 329,63 Hz — keine Veränderung. Diese Frequenz ist gleichzeitig die niedrigste, die diese Saite produzieren kann; jeder weitere Ton entsteht durch Verkürzung der schwingenden Länge.
Obertonreihe
Ein Flageolett ist im strengen Sinne nicht möglich, denn die offene Saite IST bereits der erste Naturton (Grundton). Alle höheren Naturtöne — Oktave, Quinte, große Terz, kleine Septime usw. — sind als Oberschwingungen bereits unhörbar in diesem Grundton enthalten und prägen seine Klangfarbe.
Wenn du genau hinhörst (z. B. mit einem Spektralanalysator), erkennst du, dass eine angeschlagene Saite nicht nur ihren Grundton produziert, sondern eine ganze Reihe von Obertönen mitschwingen lässt. Genau diese Obertonstruktur unterscheidet eine Geige von einer Trompete oder einer Stimme. Die Prime ist also der vollständige Klang, aus dem alle anderen Intervalle gewissermaßen herausgelöst werden können.
kl. Sekunde
Charakter
Die kleine Sekunde ist die kleinste Stufe der westlichen diatonischen Tonleiter — ein Halbtonschritt. Mit ihrem Verhältnis von 16:15 erzeugt sie eine starke Reibung zwischen den beiden Tönen: Sie liegen so dicht beieinander, dass das Gehör sie als spannungsgeladen, instabil und drängend wahrnimmt.
Ihre wichtigste Funktion in der tonalen Musik ist die des Leittons: Der 7. Ton einer Dur-Tonleiter (z. B. das H in C-Dur) liegt einen Halbton unter dem Grundton (C) und „zieht” hörbar zu ihm hin. Dieser Sog ist die Grundlage jeder Kadenz: Die Dominante (G-Dur in C-Dur) enthält den Leitton H, der zwingend nach C strebt — und so die Auflösung in die Tonika erzeugt.
Melodisch wirkt die kleine Sekunde oft schmerzlich, klagend oder bedrohlich. Berühmte Beispiele: Das „Hai-Motiv” aus Der weiße Hai (zwei alternierende Halbtöne erzeugen unmittelbare Bedrohlichkeit), oder die Eröffnungsnoten von Beethovens Mondscheinsonate. Im Jazz und Blues sind kleine Sekunden ein wichtiges Spannungsmittel.
Griffweise
Bei 15/16 der Saitenlänge klingt der nächsthöhere Halbton — die Saite wird also nur sehr leicht (um etwa 6,25 %) verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das genau einem Bundabstand: Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 1. Bund greifst, klingt F (349,23 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 16/15 ≈ 1,067.
Der Bund ist auf der Gitarre exakt so positioniert, dass die schwingende Länge zwischen Bund und Steg dieser 15/16-Proportion entspricht. Diese Bauweise erlaubt es, in der gleichstufigen Stimmung präzise Halbtöne zu spielen, ohne jedes Mal nachzustimmen.
Obertonreihe
Als isolierter Flageolett-Ton ist die kleine Sekunde praktisch nicht produzierbar. Das Verhältnis 16:15 entspricht etwa dem Abstand zwischen dem 15. und dem 16. Naturton — diese Obertöne liegen so hoch und so dicht beieinander, dass sie sich auf einer normalen Gitarrensaite kaum noch sauber isolieren lassen.
In der reinen Stimmung (just intonation) wird die kleine Sekunde aus dem Verhältnis von Quinte (3:2) und großer Terz (5:4) abgeleitet, nicht direkt aus der Naturtonreihe. Dies ist einer der Gründe, warum sie als „künstliches” Intervall gilt — sie entsteht erst durch die Konstruktion der Tonleiter, nicht durch den natürlichen Obertonaufbau.
gr. Sekunde
Charakter
Die große Sekunde — der „Ganzton” — ist das Rückgrat jeder Melodie. Mit einem Verhältnis von 9:8 klingt sie mild dissonant: deutlich gespannter als eine Terz oder Quinte, aber bei weitem nicht so reibungsvoll wie die kleine Sekunde. Sie ist beweglich, fließend, vorwärtsdrängend — der ideale Schritt, um eine Linie zu entwickeln.
Fast jede Melodie schreitet überwiegend in Sekunden voran. Die Dur-Tonleiter besteht aus fünf Ganztönen und zwei Halbtönen (Schema: G-G-H-G-G-G-H), die Moll-Tonleiter ähnlich. Zwei aufeinanderfolgende Ganztöne ergeben übrigens annähernd eine große Terz: 9/8 × 9/8 = 81/64, was sehr nahe an der reinen großen Terz (5/4 = 80/64) liegt — die Differenz nennt man „syntonisches Komma”.
Bekannte Melodien, die mit einer großen Sekunde beginnen: „Frère Jacques” (C–D), „Happy Birthday” (Auftakt G-G–A), „Alle meine Entchen” (C-D-E-F-G…). Die Sekunde ist so allgegenwärtig, dass wir sie als Hörer kaum noch bewusst wahrnehmen — sie ist die Grundbewegung der Musik.
Griffweise
Bei 8/9 der Saitenlänge klingt der Ganzton — die Saite wird also um etwa 11,1 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das einem Abstand von zwei Bünden. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 2. Bund greifst, klingt F♯ (369,99 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 9/8 = 1,125.
Ganztonschritte sind die Standard-Bewegung beim Skalenspiel: In einer Dur-Tonleiter gehst du an fünf von sieben Stellen genau zwei Bünde weiter. Genau dieses regelmäßige Muster macht das Spielen von Tonleitern auf Saiteninstrumenten so vorhersagbar und gut erlernbar.
Obertonreihe
Der 9. Naturton entsteht, wenn du die Saite an exakt 1/9 ihrer Länge sehr leicht berührst (oder bei 2/9, 3/9 usw.) und gleichzeitig anschlägst. Dieser Naturton liegt genau im Verhältnis 9:8 zum 8. Naturton — und beschreibt damit den reinen Ganzton als Oberschwingung.
Der 9. Naturton liegt auf einer hohen E-Saite ungefähr an der Position, die einem theoretischen 28. Bund entspricht — also weit oberhalb des Griffbretts, im Bereich des Schalllochs (bei der Akustikgitarre) oder des Tonabnehmers (bei der E-Gitarre). Er klingt drei Oktaven plus eine große Sekunde über dem Grundton — ein hoher, glasklarer, fast flötenartiger Ton.
kl. Terz
Charakter
Die kleine Terz ist die definierende Terz des Moll-Klangs. Mit ihrem Verhältnis von 6:5 klingt sie warm, weich und leicht melancholisch — genau jene gedämpfte Süße, die Moll von Dur unterscheidet. Sie ist die Grundlage jedes Moll-Dreiklangs (z. B. A-Moll: A-C-E, wobei A→C eine kleine Terz ist).
In der Funktionsharmonik ist die kleine Terz das wichtigste Mittel zur Charakterisierung einer Tonart. Wechselt eine Komposition von Dur nach Moll (oder umgekehrt), so geschieht das durch Veränderung dieses einen Intervalls — des dritten Tons über dem Grundton. C-Dur (C-E-G) wird zu c-Moll (C-Es-G), indem das E zu Es wird. Diese kleine Verschiebung um nur einen Halbton wirft die gesamte emotionale Wirkung um.
Die kleine Terz ist die Umkehrung der großen Sexte (5:3) — addiert man beide, ergibt sich genau eine Oktave. Bekannte Beispiele für eine aufsteigende kleine Terz am Anfang einer Melodie: „Greensleeves” (E–G), „Smoke on the Water” (das berühmte Riff beginnt mit einer kleinen Terz: G–B♭), „Brahms' Wiegenlied” (E♭–G in der Originaltonart).
Griffweise
Bei 5/6 der Saitenlänge klingt die kleine Terz — die Saite wird um etwa 16,7 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das einem Abstand von drei Bünden. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 3. Bund greifst, klingt G (392,00 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 6/5 = 1,2.
Drei Bünde sind ein häufig verwendeter Griffabstand für Power-Chords mit Moll-Charakter und für Blues-Licks. Im Pentatonik-Spiel ist die kleine Terz eines der charakteristischsten Intervalle.
Obertonreihe
Der 6. Naturton entsteht durch Berührung der Saite an 1/6, 2/6, 3/6, 4/6 oder 5/6 ihrer Länge. Im Verhältnis zum 5. Naturton (große Terz) steht er genau 6:5 — er klingt also als kleine Terz höher als jener.
Der 6. Naturton liegt zwei Oktaven plus eine reine Quinte über dem Grundton. Auf der hohen E-Saite klingt er als sehr hohes H (etwa 1976 Hz). Dieser Flageolett-Ton ist auf der Gitarre noch einigermaßen klar produzierbar, klingt aber bereits dünn und glockenartig — typisch für die höheren Naturtöne.
gr. Terz
Charakter
Die große Terz ist die strahlende Terz des Dur-Klangs. Mit ihrem Verhältnis von 5:4 klingt sie hell, klar und freudig. Sie bildet das harmonische Herz jedes Dur-Dreiklangs: C-Dur ist C-E-G, wobei das Intervall C→E eine große Terz ist. Genau diese Terz vermittelt die typische „helle” Stimmung von Dur.
Die reine große Terz (5:4) klingt heller und reiner als die in der gleichstufigen Stimmung verwendete temperierte Terz oder die ältere pythagoreische Terz (81:64). Daher klingen historische Aufführungen mit reiner Stimmung in den Akkorden besonders „leuchtend” — viele Hörer empfinden das beim ersten Mal als ungewohnt, dann aber als sehr wohlklingend.
In der Geschichte der Musik war die große Terz lange umstritten: Im Mittelalter galt sie als unrein und wurde gemieden, erst ab der Renaissance wurde sie als vollwertige Konsonanz akzeptiert. Heute ist sie das wichtigste „Wohlklang-Intervall” der westlichen Musik. Bekannte Melodien mit aufsteigender großer Terz: „Oh, when the saints” (C–E), „Kumbaya” (C–E zu Beginn).
Griffweise
Bei 4/5 der Saitenlänge klingt die große Terz — die Saite wird um 20 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das vier Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 4. Bund greifst, klingt G♯ (415,30 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 5/4 = 1,25.
Vier Bünde sind ein typischer Griffabstand für Dur-Akkord-Voicings auf zwei benachbarten Saiten. In der Standardstimmung der Gitarre liegt die G-Saite genau eine große Terz unter der H-Saite — das ist die einzige „Terz-Lücke” in der ansonsten in Quarten gestimmten Gitarre und der Grund, warum manche Akkorde auf der Gitarre etwas ungewöhnlich gegriffen werden müssen.
Obertonreihe
Der 5. Naturton ist einer der charakteristischsten und am leichtesten produzierbaren Flageolett-Töne überhaupt! Er entsteht durch leichte Berührung der Saite an 1/5, 2/5, 3/5 oder 4/5 ihrer Länge.
Im Verhältnis zum 4. Naturton steht er genau 5:4 — und beschreibt damit die reine große Terz als Oberton. Der 5. Naturton liegt zwei Oktaven plus eine große Terz über dem Grundton. Auf der hohen E-Saite klingt er als sehr hohes G♯ (etwa 1660 Hz). Dieser Flageolett-Ton wird in der klassischen Gitarre und besonders auf Saiteninstrumenten wie Geige oder Cello sehr häufig eingesetzt — er klingt rein, glockenartig und besonders strahlend.
Quarte
Charakter
Die reine Quarte ist eine der ältesten und ehrwürdigsten Konsonanzen. Mit ihrem Verhältnis von 4:3 klingt sie offen, schwebend und kraftvoll. Im mittelalterlichen Organum (etwa ab dem 9. Jahrhundert) bildete die Quarte zusammen mit der Quinte und der Oktave die Grundlage der ersten Mehrstimmigkeit überhaupt.
Ihre harmonische Rolle ist allerdings ambivalent: Im klassischen Kontrapunkt gilt die Quarte zwischen Bass und Oberstimme als Dissonanz, die aufgelöst werden muss — obwohl sie zwischen anderen Stimmen vollkommen konsonant klingt. Diese Eigenheit macht sie zu einem der theoretisch interessantesten Intervalle.
In der modernen Musik hat die Quarte eine neue Blüte erlebt: Sus4-Akkorde (z. B. Csus4 = C-F-G) verwenden die Quarte anstelle der Terz und schaffen einen offenen, schwebenden Klang, der sich später in eine Dur- oder Moll-Terz auflösen kann. Berühmte Beispiele: das Eröffnungsmotiv des Hochzeitsmarsches („Hier kommt die Braut” — C–F = Quarte aufwärts), „Amazing Grace” (G–C zu Beginn), oder „Auld Lang Syne” (G–C). Auch das berühmte Star-Wars-Hauptthema beginnt mit einer aufsteigenden Quarte.
Griffweise
Bei 3/4 der Saitenlänge klingt die Quarte — die Saite wird um 25 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das fünf Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 5. Bund greifst, klingt A (440,00 Hz, der Standard-Stimmton!). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 4/3 ≈ 1,333.
Der 5. Bund hat auf der Gitarre eine besondere Bedeutung: Mit Ausnahme der G-Saite ist jede Saite im 5. Bund gleich gestimmt wie die nächsthöhere offene Saite (E im 5. Bund = A der A-Saite, A im 5. Bund = D usw.). Das nutzt man traditionell zum Stimmen der Gitarre.
Obertonreihe
Der 4. Naturton entsteht durch Berührung der Saite an 1/4, 2/4 (= 1/2!) oder 3/4 ihrer Länge. Er liegt zwei Oktaven über dem Grundton — die Saite schwingt dabei in vier gleichen Teilstücken gleichzeitig.
Das Verhältnis 4:3 selbst beschreibt nicht den Naturton an Position 4 zum Grundton (der wäre nämlich 4:1, also zwei Oktaven), sondern den Abstand vom 3. Naturton zum 4. Naturton — also von „eine Oktave + Quinte über dem Grundton” zu „zwei Oktaven über dem Grundton”. Dazwischen liegt genau eine Quarte. Auf der hohen E-Saite klingt der 4. Naturton als hohes E (ca. 1319 Hz) — er ist sehr klar produzierbar und einer der schönsten Flageolett-Töne der Gitarre.
Tritonus
Charakter
Der Tritonus — drei Ganztöne übereinander — ist das berüchtigte „Diabolus in Musica” („Teufel in der Musik”). Mittelalterliche Theoretiker hielten ihn wegen seines spannungsgeladenen, instabilen Klangs für unrein und vermieden ihn in der geistlichen Musik. Mit dem komplexen Verhältnis 45:32 liegt er genau in der Mitte der Oktave und teilt sie symmetrisch in zwei gleiche Hälften — eine geometrische Eigenschaft, die ihn von allen anderen Intervallen unterscheidet.
Genau seine Spannung macht ihn aber unentbehrlich: Im Dominantseptakkord (z. B. G7 = G-H-D-F in C-Dur) bilden die große Terz (H) und die kleine Septime (F) einen Tritonus. Dieser eingebaute Spannungspunkt ist die treibende Kraft der gesamten westlichen tonalen Musik — er verlangt zwingend nach Auflösung in die Tonika (das H zieht hoch nach C, das F zieht runter nach E).
Im 20. Jahrhundert wurde der Tritonus von der Klassik (Wagner, Debussy) und besonders vom Jazz vollständig rehabilitiert. Bekannte Tritonus-Verwendungen: Das Eröffnungsmotiv von Wagners Tristan-Akkord, „Maria” aus West Side Story (Bernstein nutzt bewusst einen aufsteigenden Tritonus, um die Sehnsucht hörbar zu machen), oder die Eröffnungstöne von „The Simpsons” (Theme).
Griffweise
Bei 32/45 (≈ 0,711) der Saitenlänge klingt der Tritonus. Auf der Gitarre entspricht das sechs Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 6. Bund greifst, klingt B♭ (466,16 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 45/32 ≈ 1,406.
Das Verhältnis 45/32 entsteht aus drei gestapelten Ganztönen: 9/8 × 9/8 × 9/8 = 729/512 — was näherungsweise 45/32 ist (mit kleiner pythagoreischer Abweichung). Der Tritonus ist außergewöhnlich darin, dass seine Umkehrung wieder ein Tritonus ist: 6 + 6 = 12 Halbtöne (eine Oktave). Das macht ihn zum einzigen Intervall, das mit sich selbst symmetrisch ist.
Obertonreihe
Der Tritonus lässt sich nicht als einfacher Naturton produzieren — das Verhältnis 45:32 liegt nicht in der natürlichen Obertonreihe. Es ist eines der dissonantesten und mathematisch kompliziertesten Verhältnisse in der reinen Stimmung.
In der reinen Naturtonreihe wäre der nächstgelegene Ton der 11. Naturton (Verhältnis 11:8 zum Grundton), der einen sogenannten „neutralen Tritonus” bildet — etwas tiefer als der temperierte Tritonus und mit einem charakteristisch fremdartigen Klang, den man manchmal in alpenländischen Jodlern oder im Blues hört. Der „echte” gleichstufige Tritonus entsteht erst durch die mathematische Konstruktion der Tonleiter und ist gewissermaßen ein „künstliches” Intervall.
Quinte
Charakter
Die reine Quinte ist nach der Oktave die reinste und stärkste Konsonanz überhaupt. Mit ihrem schlichten Verhältnis von 3:2 klingt sie kraftvoll, offen, beinahe „leer” — gerade weil keine Terz dabei ist, die ihr eine Dur- oder Moll-Färbung geben würde. Sie ist die Grundlage des Quintenzirkels, der das gesamte Tonsystem der westlichen Musik strukturiert.
Die Quinte ist eines der wichtigsten Intervalle der Musikgeschichte: Pythagoras leitete daraus seine Tonleiter ab. Im gregorianischen Organum (ca. 9.–13. Jahrhundert) sangen zwei Stimmen parallel im Quintabstand — der erste mehrstimmige Gesang Europas. Im Rock und Metal werden Power-Chords gespielt, die nur aus Grundton und Quinte bestehen (z. B. „A5” = A + E): Der bewusste Verzicht auf die Terz erlaubt heftige Verzerrung, ohne dass der Klang matschig wird.
Bekannte aufsteigende Quint-Anfänge: „Twinkle, Twinkle, Little Star” (C–C–G–G), die 20th Century Fox Fanfare, und das Hauptthema der Star Wars-Filme nutzt prominent die Quinte. Auch das berühmte Eröffnungsmotiv von Strauss' „Also sprach Zarathustra” (das 2001-Filmthema) baut auf einer aufsteigenden Quinte auf.
Griffweise
Bei 2/3 der Saitenlänge klingt die Quinte — die Saite wird um etwa 33,3 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das exakt sieben Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 7. Bund greifst, klingt H (493,88 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 3/2 = 1,5.
Der 7. Bund ist ein magischer Ort auf der Gitarre: Hier liegt nicht nur die Quinte, sondern auch der zweitleichteste Flageolett-Ton (siehe unten). Außerdem nutzt man den 7. Bund traditionell als zweite Stimm-Möglichkeit (alternativ zum 5. Bund).
Obertonreihe
Der 3. Naturton ist nach der Oktave der bekannteste Flageolett-Ton überhaupt. Er entsteht durch leichte Berührung der Saite an 1/3 oder 2/3 ihrer Länge — also direkt über dem 7. (oder 19.) Bund auf der Gitarre.
Der 3. Naturton liegt eine Oktave plus eine reine Quinte über dem Grundton. Im Verhältnis zum 2. Naturton (Oktave) steht er genau 3:2 — er beschreibt also die reine Quinte als Oberschwingung. Auf der hohen E-Saite klingt der 3. Naturton als sehr hohes H (ca. 988 Hz). Dieser Flageolett-Ton ist auf der Gitarre besonders klangvoll und wird sehr häufig eingesetzt, etwa in der klassischen Gitarrenliteratur, in Pink Floyds „Run Like Hell” oder in den berühmten Eröffnungstönen von Yes' „Roundabout”.
kl. Sexte
Charakter
Die kleine Sexte ist die Umkehrung der großen Terz: Beide zusammen ergeben genau eine Oktave (4 + 8 = 12 Halbtöne, oder 5/4 × 8/5 = 2/1). Mit ihrem Verhältnis von 8:5 klingt sie sehnsüchtig, melancholisch und seelenvoll — sie hat etwas Klagendes, aber auch Sanftes und Tröstendes.
In der Romantik wurde die kleine Sexte zum Lieblingsintervall vieler Komponisten. Brahms, Schumann und Tschaikowsky setzen sie ein, um schmerzliche Sehnsucht oder unerfüllte Liebe auszudrücken. Auch in der Filmmusik wird sie oft genutzt, um emotionale Höhepunkte oder zarte Liebesszenen zu untermalen.
Bekannte Melodien mit aufsteigender kleiner Sexte: „The Entertainer” (Scott Joplin, der Sprung im Hauptmotiv), „Black Orpheus” (A Felicidade, das berühmte Bossa-Nova-Stück), und der Beginn des Mottosongs aus Love Story („Where Do I Begin”) nutzt eine Sexte sehr emotional. Auch in vielen jazzigen Standards wie „Body and Soul” findet man die kleine Sexte als ausdrucksstarken Sprung.
Griffweise
Bei 5/8 der Saitenlänge klingt die kleine Sexte — die Saite wird um 37,5 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das acht Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 8. Bund greifst, klingt C (523,25 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 8/5 = 1,6.
Acht Bünde sind ein größerer Griffabstand und werden meist nicht innerhalb einer Hand-Position gegriffen, sondern durch einen Lagenwechsel oder durch das Übergehen auf eine andere Saite. Auf zwei benachbarten Saiten kann man die kleine Sexte oft mit nur einem Bund Versatz greifen.
Obertonreihe
Das Verhältnis 8:5 beschreibt den Abstand vom 5. zum 8. Naturton. Der 8. Naturton (Berührung an 1/8 der Saitenlänge) liegt drei Oktaven über dem Grundton. Der 5. Naturton (siehe „große Terz”) liegt zwei Oktaven plus eine große Terz über dem Grundton. Der Sprung zwischen beiden beträgt genau eine kleine Sexte — also 8:5.
Als eigenständiger Flageolett-Ton lässt sich die kleine Sexte schwer isolieren. Sie ergibt sich vielmehr aus dem Vergleich der höheren Naturtöne untereinander. Auf der hohen E-Saite klingt der 8. Naturton als sehr hohes E (ca. 2637 Hz) — viel zu hoch für die meisten musikalischen Anwendungen, aber technisch produzierbar.
gr. Sexte
Charakter
Die große Sexte ist die Umkehrung der kleinen Terz und damit eines der wärmsten und fröhlichsten Intervalle. Mit ihrem Verhältnis von 5:3 klingt sie hell, offen, fröhlich und einladend. Sie ist ein typisches „Volksliedintervall” — viele Volksmelodien aus aller Welt beginnen mit einer aufsteigenden großen Sexte.
In der Funktionsharmonik ist die große Sexte zentral für die VI. Stufe einer Dur-Tonart (z. B. die Tonikaparallele Am in C-Dur, deren Grundton A eine große Sexte über dem C liegt). Auch im Jazz spielt sie eine wichtige Rolle in 6er-Akkorden (z. B. C6 = C-E-G-A) und in der Hawaiianischen Musik.
Berühmte Beispiele für aufsteigende große Sexten am Melodieanfang: „My Bonnie Lies Over the Ocean” (G–E zu Beginn), das Hauptthema aus Dvořáks Sinfonie aus der Neuen Welt, und das NBC-Network-Logo („G-E-C”, zwei Sexten hintereinander). Auch der berühmte Beatles-Song „Hey Jude” verwendet die Sexte prominent in der Melodieführung.
Griffweise
Bei 3/5 der Saitenlänge klingt die große Sexte — die Saite wird um 40 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das neun Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 9. Bund greifst, klingt C♯ (554,37 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 5/3 ≈ 1,667.
Wie bei der kleinen Sexte wird auch die große Sexte selten mit einem Griff über neun Bünde gespielt, sondern meist durch Saitenwechsel oder Lagenwechsel realisiert. In Sechs-Akkord-Voicings ist die große Sexte oft der oberste Ton (z. B. in einem Maj7- oder 6-Akkord).
Obertonreihe
Das Verhältnis 5:3 beschreibt den Abstand vom 3. Naturton zum 5. Naturton. Der 3. Naturton ist die reine Quinte (eine Oktave + Quinte über dem Grundton, siehe „Quinte”). Der 5. Naturton ist die reine große Terz (zwei Oktaven + große Terz über dem Grundton, siehe „große Terz”). Der Sprung zwischen beiden beträgt genau eine große Sexte.
Dieses Verhältnis ist besonders schön zu hören, wenn man auf einer Gitarre nacheinander den 3. Naturton (über dem 7. Bund) und den 5. Naturton (über dem 4. Bund) anschlägt — der Sprung dazwischen klingt unmittelbar als reine, glasklar konsonante große Sexte.
kl. Septime
Charakter
Die kleine Septime ist eines der spannendsten Intervalle der westlichen Musik. Mit ihrem Verhältnis von 9:5 (oder, in der Naturtonreihe, näherungsweise 7:4) klingt sie weich-dissonant, erdig und voll Sehnsucht nach Auflösung. Sie ist das definierende Intervall des Dominantseptakkords (z. B. G7 = G-H-D-F in C-Dur, wobei G→F eine kleine Septime ist).
Im Blues und Jazz hat die kleine Septime einen ganz besonderen Stellenwert: Sie ist die typische „Blue Note” und verleiht dem Blues seinen unverwechselbaren Charakter. Anders als die temperierte kleine Septime entspricht die im Blues oft gesungene oder gespielte Septime eher dem natürlichen 7. Naturton (Verhältnis 7:4), der etwas tiefer liegt als das gleichstufige B♭ — und dadurch diesen typischen „bluesigen” Klang erzeugt.
Bekannte Beispiele: Praktisch jedes Bluesstück beginnt oder endet mit einem Septakkord. Im Pop ist die kleine Septime ebenfalls allgegenwärtig — sie ist die Grundlage jeder „bluesigen” Klangfärbung. Ein berühmter aufsteigender Sprung um eine kleine Septime findet sich am Anfang von „Somewhere” aus West Side Story (Bernstein) und im Hauptthema von „Star Trek”.
Griffweise
Bei 5/9 der Saitenlänge klingt die kleine Septime — die Saite wird um etwa 44,4 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das zehn Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 10. Bund greifst, klingt D (587,33 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 9/5 = 1,8.
Die kleine Septime wird auf der Gitarre in vielen Akkordvoicings prominent gegriffen, etwa im klassischen Dominantseptakkord (z. B. C7 mit dem B♭ als kleine Septime über dem Grundton C). Im Jazz ist es ein zentraler Klang in praktisch jedem II-V-I-Schema.
Obertonreihe
Eng verwandt mit dem 7. Naturton, der durch Berührung der Saite an 1/7 (oder 2/7, 3/7 usw.) ihrer Länge entsteht. Im Verhältnis 7:4 zum Grundton liegt dieser Naturton etwas tiefer als die temperierte kleine Septime — etwa 31 Cent (knapp ein Drittel eines Halbtons) tiefer.
Genau dieser leicht tiefere 7. Naturton ist der „Blues-Whole-Tone” oder „Blue Seventh” — ein Klang, der dem Blues seinen unverwechselbaren, sehnsüchtigen Charakter verleiht. Wenn du auf der hohen E-Saite das natürliche Flageolett über dem Bereich des 7. Naturtons spielst (etwa zwischen dem 8. und 9. Bund), hörst du genau diesen leicht tiefer als erwartet klingenden Ton — viele Hörer empfinden ihn als „interessant fremd”, weil er von der gleichstufigen Stimmung abweicht.
gr. Septime
Charakter
Die große Septime ist die „Leittonseptime” — sie liegt nur einen Halbton unter der Oktave und „zieht” mit großer Spannkraft hinauf. Mit ihrem Verhältnis von 15:8 klingt sie stark dissonant, fast schmerzlich, und verlangt nach Auflösung in die Oktave.
In der traditionellen Harmonik wurde die große Septime jahrhundertelang als unaufgelöste Dissonanz gemieden. Erst der Jazz machte sie zu einem charakteristischen Wohlklang: Der maj7-Akkord (z. B. Cmaj7 = C-E-G-H) wurde zum Markenzeichen von Bossa Nova, Smooth Jazz und romantischen Balladen. Hier wird die Spannung der Septime nicht mehr aufgelöst, sondern als Klangfarbe genossen — ein milder, weicher, schimmernder Klang.
Bekannte Beispiele für maj7-Klangfarben: „The Girl from Ipanema” (Tom Jobim, durchgehend mit maj7-Akkorden), „Just the Way You Are” (Billy Joel), das Eröffnungsmotiv von „Take Five” (Brubeck) und unzählige Filmmusik-Themen. Als melodischer Sprung ist die große Septime selten — wenn sie vorkommt, wirkt sie oft sehnsüchtig oder dramatisch (z. B. im Anfang von Bernsteins „Somewhere” aus West Side Story, das auch Sextsprung und große Septime kombiniert).
Griffweise
Bei 8/15 der Saitenlänge klingt die große Septime — die Saite wird um etwa 46,7 % verkürzt. Auf der Gitarre entspricht das elf Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 11. Bund greifst, klingt D♯ (622,25 Hz). Die Frequenz erhöht sich um den Faktor 15/8 = 1,875.
Der 11. Bund liegt sehr nah am 12. Bund (der Oktave) — die große Septime ist also „fast schon” die Oktave, nur einen Halbton tiefer. Genau diese Nähe erzeugt die starke Spannung und den Drang zur Auflösung. In maj7-Akkordvoicings findet man die große Septime auf der Gitarre oft als oberste Note, die dem Akkord ihren charakteristischen schimmernden Glanz verleiht.
Obertonreihe
Das Verhältnis 15:8 liegt zwischen dem 8. und dem 16. Naturton. Theoretisch wäre der 15. Naturton bei 1/15 der Saitenlänge produzierbar, aber praktisch ist er kaum noch isoliert anzuregen — die Position liegt zu dicht am Steg, und höhere Naturtöne sind energetisch sehr schwach.
Die große Septime ist eines der komplexesten Verhältnisse in der natürlichen Obertonreihe und gilt als eine „abgeleitete” Konsonanz: Sie entsteht erst durch das Übereinanderlegen niedrigerer Naturtöne. In der reinen Stimmung wird die große Septime traditionell aus dem Verhältnis 15:8 gebildet (5/4 × 3/2 = 15/8 — also große Terz plus reine Quinte). Auf der Gitarre als Flageolett kaum praktikabel.
Oktave
Charakter
Die Oktave ist die vollkommenste Konsonanz nach der Prime und gilt als das fundamentalste aller Intervalle. Mit ihrem schlichten Verhältnis von 2:1 (der erste Oberton überhaupt) klingen zwei Töne im Oktavabstand so stark verwandt, dass das menschliche Gehör sie als denselben Ton in unterschiedlicher Höhe empfindet. Genau deshalb tragen Töne im Oktavabstand denselben Namen (C, c, c', c'' usw.).
Die Oktave ist universell: In praktisch jeder Musikkultur der Welt — von der westlichen Klassik bis zum indischen Raga, von der gregorianischen Choralmelodie bis zur balinesischen Gamelanmusik — wird die Oktave als „gleicher” Ton wahrgenommen und zur Strukturierung des Tonraums genutzt. Das ist keine kulturelle Konvention, sondern eine Konsequenz der Physik: Eine Saite, die mit doppelter Frequenz schwingt, produziert einfach denselben „Ton” eine Stufe höher.
Bekannte Beispiele für aufsteigende Oktaven am Melodieanfang: „Somewhere Over the Rainbow” (das berühmte „Some-where” — ein Oktavsprung!), „Singin' in the Rain”, „Bali Hai” aus South Pacific. Auch das Hauptmotiv von „Star Trek: The Next Generation” enthält einen prominenten Oktavsprung.
Griffweise
Bei genau 1/2 der Saitenlänge klingt die Oktave — die Saite wird also exakt halbiert. Auf der Gitarre entspricht das exakt zwölf Bünden Abstand. Wenn du die hohe E-Saite (329,63 Hz) im 12. Bund greifst, klingt das nächsthöhere E (659,26 Hz). Die Frequenz verdoppelt sich exakt (Faktor × 2,0).
Der 12. Bund ist auf jeder Gitarre durch eine doppelte Markierung gekennzeichnet, denn er ist der „Mittelpunkt” der Saite. Alles, was ab dem 12. Bund passiert, ist eine Oktave höher als das, was zwischen offener Saite und 11. Bund stattfindet — die Bundabstände werden ab dem 12. Bund identisch, nur in halber Länge.
Obertonreihe
Der 2. Naturton — der bekannteste und am leichtesten produzierbare Flageolett-Ton überhaupt. Berühre die Saite genau in der Mitte (über dem 12. Bund) ganz leicht und schlage sie an: Es erklingt der gleiche Ton wie beim normalen Greifen im 12. Bund — eine Oktave höher als die Leersaite.
Was dabei physikalisch passiert: Die Saite schwingt nicht mehr als Ganzes, sondern in zwei gleichen Hälften gleichzeitig — wie zwei kleine Saiten, die gemeinsam denselben höheren Ton produzieren. Dies ist die einfachste Form einer Obertonschwingung. Jeder gespielte Ton enthält diese Oktave bereits als stärksten Oberton in seiner Klangfarbe — auch wenn man sie nicht bewusst hört, ist sie immer mit dabei und prägt das, was wir „Klangfarbe” nennen.