Üben mit Metronom und Stimmgerät
Was die Geräte können, steht oben. Hier steht, wie man mit ihnen arbeitet — und welche Fehler dabei am häufigsten passieren.
Metronom
Aus der Praxis: die Tempoleiter
Das Metronom nützt wenig, wenn man es einfach mitlaufen lässt. Die Arbeitsweise, die im Unterricht verlässlich wirkt, ist die Tempoleiter: 60, 66, 72, 80, 88, 96, 104. Du beginnst bei dem Tempo, in dem die Stelle dreimal hintereinander fehlerfrei gelingt — nicht bei dem, in dem sie „fast“ gelingt. Nach drei sauberen Durchgängen eine Stufe höher. Beim ersten Fehler zwei Stufen zurück.
Der Rückfall um zwei Stufen statt um eine ist der Punkt, an dem fast alle abkürzen wollen, und er ist der eigentliche Wirkmechanismus. Ein Fehler bei 96 entsteht nicht bei 96; er ist bei 88 bereits angelegt und dort noch korrigierbar. Wer nur eine Stufe zurückgeht, übt genau in dem Tempo weiter, in dem der Fehler entstanden ist.
Zweitens: Nimm nie ein ganzes Stück, sondern die schwierigen vier Takte plus je einen Takt davor und danach. Diese sechs Takte sind die Übeeinheit. Ein Stück wird nicht dadurch schneller, dass man es von Anfang bis Ende oft genug durchspielt, sondern dadurch, dass die drei Engstellen aufhören, Engstellen zu sein.
Notier dir das erreichte Tempo mit Datum. Das klingt bürokratisch, ist aber der einzige Weg, Fortschritt zu sehen, der sich über Wochen in Fünfer-Schritten abspielt. Ohne Notiz erinnert man sich an das Gefühl, und das Gefühl ist unzuverlässig.
Den Klick wegnehmen — die eigentliche Übung
Sobald eine Stelle im Zieltempo sitzt, wird das Metronom ausgedünnt statt abgeschaltet. Die erste Stufe: Stell im Viervierteltakt die Schlagzahl so ein, dass es nur noch auf 1 und 3 klickt. Den Puls zwischen den Klicks trägst du jetzt selbst. Die zweite Stufe: nur noch auf die 1. Die dritte: nur noch auf die 1 jedes zweiten Taktes.
Dabei zeigt sich unbestechlich, ob das Tempo wirklich stabil ist. Wer zwischen zwei Klicks im Abstand von zwei Takten ankommt, ohne dass es ruckt, hat den Puls verinnerlicht. Wer an dieser Stelle regelmäßig zu früh ankommt, spielt schneller, als er denkt — das ist die mit Abstand häufigste Richtung der Abweichung.
Eine anspruchsvollere Variante, die aus der Jazzpraxis kommt: Lass das Metronom nur auf 2 und 4 klicken. Der Klick ist dann nicht mehr der Schwerpunkt, sondern der Gegenschlag, und das Gefühl für die Eins muss vollständig aus dir kommen. Wer das zwei Wochen übt, hört Rhythmus anders als vorher.
Bei zusammengesetzten Taktarten lohnt es sich, den Bezugswert bewusst zu setzen. „6/8 bei 80“ ist zweideutig: Achtel oder punktierte Viertel? Zum Erarbeiten stellt man die Achtel ein und hat sechs Klicks je Takt; zum Spielen stellt man die punktierte Viertel ein und hat zwei — und erst dann klingt der Takt wie ein Sechsachteltakt und nicht wie sechs gezählte Achtel.
Typische Fehler
Der Klick wird zur Krücke. Wer ein Stück nur mit Metronom spielen kann und ohne sofort schwankt, hat nicht den Puls geübt, sondern das Reagieren auf ein Signal. Das Ausdünnen aus dem vorigen Abschnitt ist deshalb kein Extra, sondern Teil der Übung.
Das Endtempo als Anfangstempo. Über dem Stück steht eine Zahl, und viele starten dort. Sie ist das Ziel nach zwei Wochen. Eine Passage, die man dreißigmal fast richtig gespielt hat, ist schwerer zu korrigieren als eine, die man nie falsch gespielt hat.
Schneller werden im Crescendo. Lautstärke und Tempo koppeln sich im Körper fast automatisch: Es wird schneller, wenn es lauter wird, und langsamer, wenn es leiser wird. Das Metronom macht das unbarmherzig hörbar, und genau deshalb sollte man laute Stellen ausdrücklich mit Klick üben.
Nach dem Fehler weiterspielen. Der Reflex, über einen Patzer hinwegzuspielen, gehört auf die Bühne, nicht ins Übezimmer. Im Übezimmer gilt: anhalten, die Stelle isolieren, Tempo zurück, dreimal sauber, weiter.
Zu lange am Stück. Metronomarbeit ist konzentrationsintensiv. Nach etwa zwanzig Minuten sinkt die Genauigkeit messbar, und man fängt an, Fehler zu festigen statt sie abzubauen. Zwei Einheiten von zwanzig Minuten bringen mehr als eine von fünfzig.
Stimmgerät
Aus der Praxis: eine Stimmroutine, die hält
Die Reihenfolge ist wichtiger, als die meisten annehmen. Stimme immer von unten an den Zielton heran, nie von oben. Bist du zu hoch, dreh deutlich unter den Zielton — etwa einen Viertelton — und komm von unten zurück. Der Grund ist mechanisch: Nur beim Anziehen liegt die Wicklung am Wirbel straff an. Eine von oben herangeführte Saite rutscht in den ersten Minuten nach und ist dann wieder zu tief.
Zupfe die Leersaite fest, aber ohne sie zu überfordern, und warte etwa eine halbe Sekunde, bevor du abliest. Jede frisch angeschlagene Saite ist im Anschlagsmoment kurz zu hoch und fällt erst beim Einschwingen in ihre eigentliche Tonhöhe. Wer im Anschlagsmoment abliest, stimmt systematisch zu tief.
Bei der Gitarre lohnt nach dem Stimmen aller sechs Saiten eine Gegenprobe, die das Stimmgerät nicht leisten kann: Spiel einen offenen E-Dur- und einen offenen D-Dur-Akkord und hör auf Schwebungen. Schwebungen sind das langsame An- und Abschwellen, das entsteht, wenn zwei fast gleiche Frequenzen zusammentreffen. Je langsamer die Schwebung, desto näher sind die beiden Töne beieinander. Verschwindet sie ganz, ist das Intervall rein.
Und ein Hinweis zur Temperatur: Ein Instrument, das aus dem kalten Auto kommt, verstimmt sich beim Aufwärmen über zehn bis zwanzig Minuten hinweg fortlaufend. Stimmen lohnt erst, wenn es Raumtemperatur hat. Dasselbe gilt für neu aufgezogene Saiten, die zwei bis drei Tage nachgeben.
Was das Stimmgerät nicht kann
Ein chromatisches Stimmgerät misst eine einzelne Frequenz und vergleicht sie mit dem gleichstufigen Raster. Was es nicht beurteilen kann, ist, ob das Instrument in sich stimmt. Wenn alle sechs Leersaiten null Cent zeigen und der Akkord im fünften Bund trotzdem schief klingt, liegt es nicht am Stimmgerät, sondern an der Intonation.
Die Standardprüfung dafür dauert zwei Minuten: Vergleiche bei jeder Saite den Flageolettton über dem zwölften Bund mit dem gegriffenen Ton im zwölften Bund. Beide sollten dieselbe Tonhöhe haben. Ist der gegriffene Ton zu hoch, muss der Steg-Reiter dieser Saite nach hinten; ist er zu tief, nach vorn. Bei einer Konzertgitarre mit festem Steg lässt sich das nicht einstellen — dort ist ein Abweichen von mehr als etwa fünf Cent ein Hinweis auf zu hohe Saitenlage oder alte Saiten.
Auch das Kapodaster-Problem gehört hierher: Ein Kapodaster drückt die Saiten zusätzlich nach unten und erhöht damit die Spannung. Nach dem Aufsetzen ist das Instrument praktisch immer etwas zu hoch, besonders auf den dicken Saiten. Deshalb gilt: erst Kapodaster setzen, dann stimmen — nicht umgekehrt.
Zum Kammerton: Dieses Stimmgerät arbeitet auf A4 = 440 Hz und lässt sich auf andere Werte umstellen. Das ist kein Zierrat. Spielst du mit einem Orchester, das auf 442 Hz stimmt, oder in historischer Aufführungspraxis auf 415 Hz, musst du den Bezugswert anpassen — 415 Hz liegt fast genau einen Halbton unter 440.
Typische Fehler
Mit Vibrato stimmen. Bei Streichern und in der Gesangsstimme ist das der häufigste Fehler überhaupt. Vibrato schwankt typischerweise um ±20 bis ±50 Cent; die Anzeige mittelt das und zeigt eine Tonhöhe an, die im Moment des Ablesens nirgends klingt. Zum Stimmen wird der Ton gerade gehalten.
Zu fest gezupft. Ein sehr harter Anschlag zieht die Saite seitlich aus der Ruhelage und erhöht kurzzeitig die Spannung. Auf den dünnen Saiten sind zehn Cent Abweichung allein durch die Anschlagsstärke leicht erreichbar.
Auf einen einzelnen Wert starren. Die Anzeige zittert immer ein wenig, weil sich eine reale Saite nicht perfekt periodisch verhält. Entscheidend ist, wo sich die Anzeige über eine halbe Sekunde einpendelt, nicht der Wert einer einzelnen Messung.
Die Oktave verwechseln. Ein chromatisches Stimmgerät nennt den Notennamen, nicht die gewünschte Saite. Wer die tiefe E-Saite eine Oktave zu hoch stimmt, bekommt weiterhin ein zufriedenes „E“ angezeigt — und reißt die Saite. Bei der Gitarre gehören die Leersaiten zu 82,41 / 110,00 / 146,83 / 196,00 / 246,94 / 329,63 Hz; die angezeigte Frequenz ist die verlässlichere Kontrolle als der Buchstabe.
Umgebungsgeräusche unterschätzen. Das Stimmgerät hört alles, was das Mikrofon aufnimmt. Eine Klimaanlage, ein Nachbarinstrument oder ein Gespräch im Raum kann die Erkennung unbrauchbar machen. Näher ans Mikrofon und ruhiger Raum lösen praktisch jedes „das Gerät zeigt Unsinn an“-Problem.