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Harmonielehre · Schritt 1 von 2

Stufenakkorde & diatonische Harmonik

Aus einer einzigen Tonleiter entsteht ein ganzes Akkord-Ensemble: Schichtet man auf jeder Stufe Terzen, ergeben sich sieben Dreiklänge, die alle in dieselbe Tonart gehören. Sie sind das Rohmaterial jeder Begleitung – und die Grundlage für Kadenzen.

1 · Terzschichtung

Wie aus einer Tonleiter sieben Akkorde werden

Nimm eine Durtonleiter und stelle dich auf irgendeine ihrer Stufen. Stapelst du von dort aus zwei Terzen – also überspringst jeweils einen Tonleiterton –, entsteht ein Dreiklang aus tonleitereigenen Tönen. Wiederholst du das auf jeder der sieben Stufen, bekommst du sieben Akkorde, die garantiert zusammenpassen, weil sie alle aus demselben Tonvorrat gebärden.

Das Schöne daran: Die Qualität jedes Akkords (Dur, Moll oder vermindert) ergibt sich automatisch aus den Abständen der Tonleiter. Man muss nichts auswendig lernen – man liest sie an der Schichtung ab.

2 · C-Dur, durchgerechnet

Die sieben Stufen in Dur

In C-Dur (lauter Stammtöne, keine Vorzeichen) entstehen diese sieben Dreiklänge. Die Farbe zeigt schon die spätere Funktion: Tonika-Gruppe gold, Subdominant-Gruppe blau, Dominant-Gruppe grün.

C-Dur · Tonika gold · Subdominante blau · Dominante grünCITDmiiSEmiiiTFIVSGVDAmviTvii°D

Terzschichtung auf jeder Stufe von C-Dur – unten der Grundton, darüber Terz und Quinte.

StufeAkkordTöneQualität
ICC–E–GDur
iiDmD–F–AMoll
iiiEmE–G–HMoll
IVFF–A–CDur
VGG–H–DDur
viAmA–C–EMoll
vii°H–D–Fvermindert

Die siebte Stufe ist der verminderte – in deutscher Schreibweise mit H, international . Die Reihenfolge Dur–Moll–Moll–Dur–Dur–Moll–vermindert gilt in jeder Durtonart; nur die Tonnamen wechseln. Höre dir die sieben Akkorde einzeln an:

3 · a-Moll, durchgerechnet

Die sieben Stufen in Moll

In Moll verändert sich das Muster, weil die Halbtonschritte anders liegen. In a-Moll (natürlich, ebenfalls ohne Vorzeichen – die Paralleltonart zu C-Dur) ergibt die Terzschichtung:

a-Moll (natürlich)AmiTii°SCIIITDmivSEmvDFVISGVIID

a-Moll natürlich: andere Reihenfolge der Qualitäten als in Dur.

StufeAkkordTöneQualität
iAmA–C–EMoll
ii°H–D–Fvermindert
IIICC–E–GDur
ivDmD–F–AMoll
vEmE–G–HMoll
VIFF–A–CDur
VIIGG–H–DDur
Wichtig für Kadenzen: Im natürlichen Moll ist die fünfte Stufe ein Moll-Akkord (Em, also v) – ihm fehlt der Leitton, der zur Tonika drängt. Für eine funktionierende Schlusswirkung erhöht man deshalb die siebte Stufe (g♯) und macht daraus harmonisch Moll: Die Dominante wird zu E-Dur (V), die siebte Stufe zu g♯° (vii°). Vergleiche selbst:
4 · Drei Funktionen

Tonika, Subdominante, Dominante

Nicht jede Stufe wiegt gleich schwer. Drei Hauptfunktionen tragen die Harmonik (Funktionstheorie nach Hugo Riemann):

  • Tonika (T) – Stufe I: das Zuhause, der Ruhepol. Hier fühlt sich die Musik „angekommen“ an.
  • Subdominante (S) – Stufe IV: führt von der Tonika weg und öffnet den Raum.
  • Dominante (D) – Stufe V: erzeugt Spannung und drängt zurück zur Tonika – besonders stark als Septakkord (V7).
TTonikaSSubdominanteDDominanteTTonikaSpannungsbogen: Ruhe → Bewegung → Spannung → Auflösung

Dieser Grundverlauf T–S–D–T (in Stufen I–IV–V–I) ist die Keimzelle fast jeder Kadenz – mehr dazu im nächsten Schritt.

5 · Parallelen & Stellvertreter

Wenn eine Stufe für eine andere einspringt

Die übrigen Stufen sind keine Lückenfüller – sie wirken als Stellvertreter der drei Hauptfunktionen. Weil sie zwei Töne mit ihrer Hauptfunktion teilen, können sie deren Rolle übernehmen und dabei eine weichere Färbung einbringen:

  • Tonikaparallele (Tp) – Stufe vi (Am): vertritt die Tonika. Die Wendung V–vi statt V–I ist der klassische Trugschluss.
  • Subdominantparallele (Sp) – Stufe ii (Dm): vertritt die Subdominante. Die Folge ii–V–I ist im Jazz allgegenwärtig.
  • Die Mediante iii (Em) steht der Tonika nahe und färbt sie ein.

Dieses Stellvertreter-Prinzip ist international: im Englischen spricht man von der submediant (vi) als tonic substitute bzw. von der relative, im Spanischen vom relativo. Die Idee bleibt dieselbe – nur die Bezeichnung wechselt.

6 · Das gemeinsame System

Römische Stufenbezifferung

Die römischen Ziffern sind eine internationale Kurzschrift, die unabhängig von der Tonart funktioniert. So liest man sie:

  • Großbuchstabe (I, IV, V) = Dur-Dreiklang.
  • Kleinbuchstabe (ii, iii, vi) = Moll-Dreiklang.
  • ° hinter der Ziffer (vii°) = verminderter Dreiklang.

Der große Vorteil: I–V–vi–IV meint in jeder Tonart dasselbe Klanggeschehen. In C-Dur ist das C–G–Am–F, in G-Dur G–D–Em–C – gleiche Funktion, gleiche Wirkung. Wer in Stufen denkt, transponiert mühelos und erkennt Muster wieder.

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Häufige Fragen

FAQ zu Stufenakkorden

Warum ist die zweite Stufe Moll und nicht Dur?

Weil die Tonleiter ihre Halbtonschritte an festen Stellen hat. Auf der zweiten Stufe (D–F–A) liegt unten eine kleine Terz – das ergibt einen Moll-Dreiklang. Die Qualität jeder Stufe ist also nicht willkürlich, sondern eine Folge der Tonleiterstruktur.

Was bedeutet das kleine ° bei vii°?

Es kennzeichnet einen verminderten Dreiklang – zwei kleine Terzen übereinander, mit verminderter Quinte. Er klingt gespannt und unruhig und verlangt nach Auflösung, meist zur Tonika.

Warum braucht Moll eine erhöhte siebte Stufe?

Im natürlichen Moll fehlt der Leitton – der Halbtonschritt knapp unter der Tonika, der so stark „nach Hause“ zieht. Erhöht man die siebte Stufe (in a-Moll g zu g♯), entsteht harmonisch Moll: Die fünfte Stufe wird zu E-Dur und kann als echte Dominante schließen.

Muss ich alle sieben Stufen auswendig können?

Nein. Wenn du das Bauprinzip (Grundton + zwei gestapelte Terzen aus der Tonleiter) verstanden hast, kannst du jede Stufe selbst herleiten. Die häufigsten – I, IV, V, vi – prägen sich mit der Zeit von allein ein.