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Harmonielehre · Schritt 2 von 2

Kadenzen – Spannung und Auflösung

Eine Kadenz ist die harmonische Interpunktion der Musik: die Wendung, die eine Phrase abschließt oder offen lässt. Aus den Stufenakkorden werden hier echte Schlüsse – in Dur und in Moll.

1 · Was ist eine Kadenz?

Harmonische Interpunktion

Eine Kadenz ist eine festgelegte Akkordfolge am Ende einer Phrase, die einen bestimmten Grad an Abgeschlossenheit erzeugt – vom endgültigen Punkt bis zum offenen Komma. Der Motor dahinter ist der Spannungsverlauf der drei Funktionen: Die Dominante baut Spannung auf, die Tonika löst sie. Der harmonische Grundbogen lautet:

CITFIVSGVDCITGrundverlauf T–S–D–T

Aus diesem Bogen leiten sich die vier Standard-Kadenzen ab. Entscheidend ist jeweils der letzte Schritt – und ob er die Erwartung erfüllt oder bewusst enttäuscht.

2 · Authentische Kadenz

Der Ganzschluss: V–I

Die authentische Kadenz (Ganzschluss) geht von der Dominante zur Tonika – in Dur V–I, in Moll V–i. Sie ist der stärkste, endgültigste Schluss; der Leitton der Dominante zieht zwingend in den Grundton der Tonika.

DurGVDCITGanzschluss in C-Dur · V–I
MollEVDAmiTGanzschluss in a-Moll (harmonisch) · V–i
Vollkommen oder unvollkommen? Ein vollkommener Ganzschluss verlangt: beide Akkorde in Grundstellung und der Grundton der Tonika liegt zuoberst im Sopran – nur dann wirkt der Schluss restlos geschlossen. Liegt eine Umkehrung vor oder steht im Sopran die Terz oder Quinte, spricht man vom unvollkommenen Ganzschluss: ebenfalls ein Schluss, aber mit etwas Restspannung, die zum Weiterhören einlädt.
3 · Plagalschluss

Der „Amen-Schluss“: IV–I

Der Plagalschluss führt von der Subdominante zur Tonika – in Dur IV–I, in Moll iv–i. Er klingt weicher und feierlicher als der Ganzschluss, ohne den drängenden Leitton. Wegen seines häufigen Gebrauchs am Ende von Chorälen heißt er auch „Amen-Schluss“.

DurFIVSCITPlagalschluss in C-Dur · IV–I
MollDmivSAmiTPlagalschluss in a-Moll · iv–i
4 · Halbschluss

Das offene Ende: …–V

Der Halbschluss endet auf der Dominante statt auf der Tonika. Er schließt nichts ab, sondern lässt die Phrase wie mit einem Fragezeichen offen – ein Atemzeichen mitten im Satz, das eine Antwort erwarten lässt. Häufig als IV–V, ii–V oder I–V.

FIVSGVDHalbschluss – endet offen auf der Dominante

Achte darauf, wie der Schluss in der Schwebe bleibt – er „will“ weiter.

5 · Trugschluss

Die enttäuschte Erwartung: V–vi

Beim Trugschluss (deceptive cadence) baut die Dominante alle Spannung für einen Ganzschluss auf – doch statt der erwarteten Tonika folgt deren Stellvertreter. In Dur ist das V–vi, in Moll V–VI. Ein feiner, aber wichtiger Punkt: Die sechste Stufe in Moll ist ein Dur-Akkord (in a-Moll das F-Dur, VI), während sie in Dur Moll ist (vi).

Dur · V–viGVDAmviTTrugschluss in C-Dur · V–vi
Moll · V–VIEVDFVITTrugschluss in a-Moll · V–VI (Dur-Akkord!)

Der Trugschluss hält eine Phrase in Bewegung, weil das Ohr noch auf die echte Auflösung wartet – ein beliebtes Mittel, um eine Schlusswirkung hinauszuzögern.

6 · Werkanalyse

Bach: Schlusskadenz aus „O Haupt voll Blut und Wunden“

Wie klingt das alles in echter Musik? Hier die vierstimmige Schlusswendung des Chorals „O Haupt voll Blut und Wunden“ (Melodie Hans Leo Hassler, vierstimmig gesetzt von Johann Sebastian Bach, † 1750 – gemeinfrei). Der Choral steht in einer Moll-Tonart, schließt aber auf einem Dur-Akkord: die pikardische Terz.

𝄞𝄢ivSVDITpikardische Terzvierstimmiger Satz · Sopran · Alt · Tenor · Bass

Schlusskadenz in d-Moll: Subdominante (iv) → Dominante (V) → Tonika (I). Der Schlussakkord trägt statt f das erhöhte f♯ – die pikardische Terz.

Die Analyse: ein vollkommener authentischer Ganzschluss V–I, dem die Subdominante vorausgeht. Weil das Stück in Moll steht, wäre ein gewöhnlicher Schluss V–i (kleines i, Moll-Tonika). Bach erhöht jedoch die Terz des Schlussakkords zur großen Terz – aus d-Moll wird ein strahlendes D-Dur. Genau deshalb ist die Beschriftung hier V–I mit großem I korrekt. Diese pikardische Terz (englisch Picardy third, französisch tierce de Picardie) verleiht Moll-Stücken einen unerwartet hellen, versöhnlichen Schluss – ein Markenzeichen der Barockmusik.

Häufige Fragen

FAQ zu Kadenzen

Was unterscheidet Ganzschluss und Plagalschluss?

Der Ganzschluss (V–I) kommt von der Dominante und schließt mit voller Kraft, weil der Leitton in die Tonika zieht. Der Plagalschluss (IV–I) kommt von der Subdominante, hat keinen Leitton und klingt darum weicher – der typische „Amen“-Klang.

Warum heißt der Trugschluss „Trug“?

Weil er das Ohr täuscht: Die Dominante kündigt einen Ganzschluss an, doch statt der Tonika kommt ihr Stellvertreter (vi in Dur, VI in Moll). Die erwartete Auflösung bleibt aus – die Phrase läuft weiter.

Was ist eine pikardische Terz?

Ein Moll-Stück, das auf einem Dur-Akkord schließt, indem die Terz des Schlussakkords erhöht wird. Statt d-Moll erklingt D-Dur. In der Barockmusik sehr verbreitet; sie gibt dem Schluss einen hellen, versöhnlichen Charakter.

Brauche ich Moll wirklich eine andere Bezifferung?

Ja in den Details. Tonika und Subdominante sind in Moll klein (i, iv), die sechste Stufe ist dagegen ein Dur-Akkord (VI). Und die Dominante wird für einen wirksamen Schluss von v (Moll) zu V (Dur) erhöht – harmonisch Moll.