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Die sieben Bausteine · 7 von 7

Tempo – das Zeitmaß der Musik

Rhythmus ordnet die Töne in der Zeit – doch wie schnell diese Zeit selbst vergeht, bestimmt das Tempo. Es ist der Baustein, der einem Stück sein Grundgefühl gibt: dasselbe Notenbild kann als ruhiges Wiegenlied oder als atemloser Wirbel erklingen, je nachdem, wie schnell der Puls schlägt.

1 · Bedeutung

Was Tempo bedeutet

Tempo ist die Geschwindigkeit des Grundpulses – also wie schnell die Grundschläge aufeinanderfolgen, die man beim Mitklatschen spürt. Man kann es präzise in Schlägen pro Minute angeben (englisch beats per minute, kurz bpm): 60 bpm bedeutet einen Schlag pro Sekunde, 120 bpm doppelt so schnell. Diese Zahl legt fest, wie zügig sich die Musik bewegt, ganz unabhängig davon, welche Notenwerte gerade gespielt werden.

Wichtig ist, Tempo nicht mit Notendichte zu verwechseln: Ein langsames Stück kann viele schnelle Töne enthalten und ein schnelles Stück lange Töne. Das Tempo betrifft allein den Puls im Hintergrund, nicht die Menge der Noten im Vordergrund.

2 · Bezeichnungen

Die Tempobezeichnungen

Traditionell werden Tempi mit italienischen Begriffen angegeben, die nicht nur die Geschwindigkeit, sondern oft auch einen Charakter meinen. Von langsam nach schnell etwa: Largo (breit, sehr langsam), Adagio (ruhig, langsam), Andante (gehend, im Schritttempo), Moderato (mäßig), Allegro (schnell, munter), Vivace (lebhaft) und Presto (sehr schnell). Diese Wörter sind dehnbar und lassen dem Ausführenden Spielraum – „Andante" beschreibt eher eine Haltung des ruhigen Gehens als einen exakten Wert. Genau deshalb wird in moderner Notation oft zusätzlich eine bpm-Zahl angegeben, um das gemeinte Tempo festzulegen.

Zum Anhören: derselbe Grundpuls in drei Tempi. Jeder Klick ist ein Grundschlag, die „1" jedes Takts ist betont. Spüre den Unterschied zwischen dem breiten Largo, dem gehenden Andante und dem muntereren Allegro.

3 · Tempowechsel

Wenn die Zeit sich dehnt

Musik bleibt selten strikt gleich schnell. Das allmähliche Schnellerwerden heißt accelerando, das allmähliche Langsamerwerden ritardando – beide sind starke Ausdrucksmittel: Beschleunigung treibt und steigert, Verlangsamung beruhigt oder kündigt einen Schluss an. Am Ende vieler Stücke steht ein ritardando, das den Schluss vorbereitet, wie ein Zug, der sanft in den Bahnhof einrollt. Feiner noch ist das rubato: ein freies, leichtes Dehnen und Drängen der Zeit im Dienst des Ausdrucks, das dem Spiel Menschlichkeit gibt und es von starrer Mechanik unterscheidet.

4 · Metronom

Tempo in Zahlen

Lange gab es kein objektives Maß für Tempo – die italienischen Begriffe waren alles, was Komponisten hatten, und ein „Allegro" konnte von Spieler zu Spieler merklich verschieden ausfallen. Das änderte sich mit dem Metronom, einem Gerät, das einen gleichmäßigen, einstellbaren Grundschlag hörbar macht, angegeben in Schlägen pro Minute. Damit ließ sich ein Tempo erstmals eindeutig festhalten und weitergeben. Bis heute ist das Metronom das wichtigste Übe-Werkzeug überhaupt: Es deckt gnadenlos auf, wo man unbewusst schneller oder langsamer wird, und zwingt zu jener Gleichmäßigkeit, die die Grundlage jedes sicheren Spiels ist. Der bewährte Weg beim Einstudieren: eine schwierige Stelle in einem Tempo üben, in dem sie fehlerfrei gelingt, und das Metronom erst dann Stufe um Stufe höher stellen. So wird Tempo nicht erzwungen, sondern wächst aus der Sicherheit heraus.

5 · Charakter

Tempo und Charakter: die Tänze

Besonders anschaulich wird die Verbindung von Tempo und Charakter bei den Tänzen, aus denen ein großer Teil der Musikgeschichte hervorgegangen ist. Ein Marsch lebt von einem festen, mittleren Schrittmaß, das zum gemeinsamen Gehen einlädt; ein Walzer schwingt in einem fließenden Dreiertakt, dessen Tempo gerade so gewählt ist, dass sich Paare drehen können; ein Menuett ist gemessen und würdevoll, eine Gigue schnell und springend. In all diesen Fällen ist das Tempo nicht beliebig, sondern gehört untrennbar zum Wesen des Tanzes – es an einer Metronomzahl zu verändern würde den Charakter zerstören, so wie ein zu langsam gespielter Walzer nicht mehr zum Tanzen taugt. Auch abseits der Tänze trägt diese Erfahrung: Jedes Stück hat ein „richtiges" Tempo, in dem seine Bewegung natürlich wirkt – zu schnell wirkt sie gehetzt, zu langsam zäh. Dieses richtige Maß zu finden, gehört zu den feinsten Aufgaben des Musizierens.

6 · Wirkung

Warum Tempo so stark wirkt

Tempo greift unmittelbar in unser Körpergefühl ein, weil wir es mit Herzschlag, Atem und Bewegung verbinden. Langsame Tempi wirken ruhig, getragen, oft feierlich oder schwer; schnelle Tempi wirken erregt, fröhlich, drängend. Deshalb kann allein die Wahl des Tempos den Charakter eines Stücks entscheiden – und deshalb ist es beim Üben so lehrreich, dieselbe Passage bewusst in verschiedenen Tempi zu spielen und zu hören, wie sich ihr Ausdruck verwandelt. Ein bewährter Übe-Grundsatz lautet dabei: erst langsam und sauber, dann Schritt für Schritt schneller – Tempo ist die Belohnung für Genauigkeit.

Bemerkenswert ist auch, wie sehr das empfundene Tempo vom Zusammenspiel mit den anderen Bausteinen abhängt. Dichte, kleinteilige Notenwerte lassen ein Stück schneller wirken, als seine bpm-Zahl vermuten ließe; lange, ruhige Töne wirken langsamer. Ein treibender Rhythmus, eine drängende Harmonie oder ein Crescendo können den Eindruck von Beschleunigung erzeugen, ohne dass sich der Puls tatsächlich ändert. Tempo ist damit nicht nur eine messbare Größe, sondern auch ein Gefühl, das aus dem Ganzen entsteht – der letzte der sieben Bausteine, der zugleich alle anderen in Bewegung setzt.

Damit ist der Kreis geschlossen

Sieben Bausteine, eine Musik

Rhythmus, Melodie, Harmonie, Dynamik, Klangfarbe, Form und Tempo – aus diesen sieben Bausteinen ist jede Musik gebaut. Wer sie kennt, hört nicht mehr nur, dass ein Stück wirkt, sondern versteht, warum.