Dorisch, Mixolydisch, Äolisch — Kirchentonarten an bekannten Stücken
Sieben Modi aus denselben sieben Tönen, unterschieden allein durch den Bezugston. Welcher Ton jeden Modus kenntlich macht, woran man ihn beim Hören erkennt und warum die Namen nichts mit dem antiken Griechenland zu tun haben.
Maik Krohm
Sieben Modi aus sieben Tönen
Spielt man auf dem Klavier nur die weißen Tasten von C bis c, klingt C-Dur. Spielt man dieselben Tasten von D bis d, klingt etwas anderes — dieselben Töne, aber ein anderer Bezugspunkt, und damit liegen die Halbtonschritte an anderer Stelle relativ zum Grundton. So entstehen die sieben Kirchentonarten: Ionisch ab C, Dorisch ab D, Phrygisch ab E, Lydisch ab F, Mixolydisch ab G, Äolisch ab A und Lokrisch ab H.
Ionisch ist identisch mit Dur, Äolisch identisch mit natürlichem Moll. Die übrigen fünf sind das, was man üblicherweise meint, wenn von Modi die Rede ist. Lokrisch bleibt eine Randerscheinung, weil der Dreiklang auf seinem Grundton vermindert ist und damit kein stabiles Zentrum bildet.
Die Namen stammen aus der mittelalterlichen Musiktheorie, die sie von griechischen Bezeichnungen übernommen hat — allerdings unter einem Missverständnis. Was die Griechen „dorisch“ nannten, ist nicht das, was heute so heißt. Die Namen sagen also nichts über die Antike aus; sie sind Etiketten, die sich im 9. Jahrhundert eingebürgert haben.
Der eine Ton, der jeden Modus kenntlich macht
Statt sieben Tonleitern auswendig zu lernen, merkt man sich, worin jeder Modus von Dur oder Moll abweicht. Es ist jeweils genau ein Ton, und dieser Ton ist es auch, den man beim Hören sucht.
Lydisch ist Dur mit erhöhter vierter Stufe. In F lydisch ist das ein h statt b. Die Wirkung ist schwebend und offen; im Filmmusik-Zusammenhang wird der Modus regelmäßig für Weite und Staunen eingesetzt. Mixolydisch ist Dur mit erniedrigter siebter Stufe — in G also f statt fis. Damit fehlt der Leitton, die Kadenz zielt nicht mehr, und es entsteht der typische Folk- und Rock-Klang der Folge G–F–C.
Dorisch ist Moll mit erhöhter sechster Stufe. In d dorisch ist das ein h statt b. Es klingt weniger dunkel als natürliches Moll, eher ernst und schwebend. Phrygisch ist Moll mit erniedrigter zweiter Stufe — in e phrygisch ein f statt fis. Der Halbton direkt über dem Grundton ist das auffälligste Merkmal überhaupt und trägt den spanischen Flamenco-Klang.
Für das Hören lohnt es, nach genau diesen Tönen zu fahnden. Klingt es nach Dur, aber die Siebte zieht nicht? Mixolydisch. Klingt es nach Moll, aber die Sexte ist hell? Dorisch. Klingt es nach Moll, und der zweite Ton ist verdächtig nah am Grundton? Phrygisch.
An bekannten Stücken
Für Dorisch ist das englische Volkslied „Scarborough Fair“ das Standardbeispiel: in Moll, aber mit heller Sexte, wodurch die Melodie schwebt statt zu trauern. Ebenfalls dorisch sind zahlreiche irische Tunes, was den Modus zum Kennzeichen keltischer Musik gemacht hat.
Für Mixolydisch genügt fast jeder Dudelsack: Die schottische Great Highland Bagpipe hat eine Skala, die keinen Leitton kennt, weshalb Dudelsackmusik zwingend modal klingt. „Auld Lang Syne“ und viele Old-Time-Fiddle-Melodien bewegen sich in diesem Raum.
Für Phrygisch ist der andalusische Kadenzschluss das Musterbeispiel: die absteigende Folge a-Moll–G–F–E, die in der spanischen Musik allgegenwärtig ist. Der Schlussakkord ist Dur, der Grundton ist E, und der Halbton von F nach E gibt der Wendung ihren unverwechselbaren Zug.
Für Lydisch findet man in der gemeinfreien Literatur weniger, weil der Modus vor dem 20. Jahrhundert selten als eigenständiges Zentrum verwendet wurde. Am ehesten begegnet er in lydischen Wendungen innerhalb von Dur — etwa dort, wo die vierte Stufe kurzzeitig erhöht wird, bevor sie zur Dominante führt.
Aus der Praxis
Die wirksamste Übung besteht darin, einen einzigen Ton als Bordun liegen zu lassen und darüber die Tonleiter zu spielen. Ein gehaltenes D, dazu die weißen Tasten von D bis d — das ist Dorisch, und man hört es, weil der Bordun das Zentrum festnagelt. Ohne diesen Bezugston zerfällt jeder Modus sofort wieder in gewöhnliches Dur, denn dieselben Töne kippen ohne Weiteres in die vertraute Deutung.
Genau das ist auch der praktische Kern der Sache: Ein Modus entsteht nicht durch die Tonauswahl, sondern durch die Betonung. Wer über einen D-Bordun die weißen Tasten spielt, aber die Phrasen ständig auf C beendet, hat wieder C-Dur, obwohl kein Ton anders ist. Modales Spielen heißt daher vor allem: den Grundton ansteuern und die charakteristische Stufe hervorheben.
Für die Gitarre ist der Zugang besonders bequem, weil sich Borduntöne auf Leersaiten anbieten. Ein offenes d-Saiten-Pedal mit dorischen Melodietönen darüber klingt sofort nach dem Modus, ohne dass ein zweiter Musiker nötig wäre. Viele Folkstücke sind genau so gebaut.
Typische Fehler
Modi als Fingerübung behandeln. „Dorisch ist die Dur-Tonleiter ab der zweiten Stufe“ ist zwar richtig, führt aber dazu, dass Lernende weiterhin in Dur denken und nur an anderer Stelle beginnen. Das erzeugt keine modale Musik, sondern Tonleitern mit verschobenem Startpunkt.
Den Bezugston verlieren. Ohne Bordun, Basston oder klare Phrasierung hört niemand einen Modus. Wer modal improvisieren will, braucht zuerst eine Begleitung, die den Grundton festhält — sonst ist die ganze Unterscheidung akademisch.
Die charakteristische Stufe meiden. Sie klingt anfangs ungewohnt, und genau deshalb weichen viele ihr aus. Ein dorisches Stück ohne die erhöhte Sexte ist einfach Moll. Der ungewohnte Ton ist nicht die Nebenwirkung, er ist die Sache.
Alles modal deuten. Nicht jede erniedrigte siebte Stufe macht ein Stück mixolydisch — in Dur kommt sie auch als kurzzeitige Ausweichung zur Subdominante vor. Modal ist ein Stück erst, wenn der Modus über längere Strecken trägt und die Kadenzen entsprechend funktionieren.