Was in dieser Sammlung steht
112 Blätter klassischer Gitarrenliteratur, durchweg in Notenschrift und nicht in Tabulatur. Den größten Anteil haben Felix Horetzky mit 30 kurzen Stücken, Fernando Sor mit 23, Mauro Giuliani mit 18 und Matteo Carcassi mit 13; dazu kommen Dionisio Aguado und Johann Kaspar Mertz mit je acht, Ferdinando Carulli mit sechs und drei Stücke von Francisco Tárrega, darunter „Adelita“ und „Lágrima“.
Das ist kein zufälliger Querschnitt, sondern ziemlich genau der Kanon der ersten drei Gitarrenjahre. Sor, Giuliani, Carcassi, Aguado und Carulli sind die fünf Namen, die in praktisch jeder klassischen Gitarrenschule auftauchen — sie waren die führenden Gitarristen des frühen 19. Jahrhunderts in Paris, Wien und London und haben ihr Unterrichtsmaterial selbst geschrieben.
Die meisten Stücke passen auf eine Seite und dauern gespielt unter zwei Minuten. Das ist Absicht: Ein Stück, das man in einer Woche fertig bekommt, wird fertig; ein sechsseitiges Stück wird in der dritten Woche beiseitegelegt.
Warum Noten und nicht Tabulatur
Tabulatur sagt dir, wo du greifen sollst, aber nicht, welcher Ton dabei herauskommt und wie lange er klingt. Für das schnelle Nachspielen eines Riffs ist das effizient. Sobald aber zwei Stimmen gleichzeitig laufen — und das tun sie in fast jedem Stück dieser Sammlung — bricht die Tabulatur zusammen: Sie kann nicht zeigen, dass der Basston über vier Zählzeiten liegen bleibt, während die Oberstimme achtelweise weitergeht.
Genau dieses Halten ist das Kernproblem der klassischen Gitarre. Ein Sor-Stück in a-Moll besteht typischerweise aus einer Melodie im Diskant, einem gehaltenen Bass auf der fünften und sechsten Saite und einer Mittelstimme, die beide verbindet. Die Notenschrift zeigt mit Hälsen nach oben und unten, welche Note zu welcher Stimme gehört. Wer das einmal gelesen hat, spielt anders: Der Bass wird nicht mehr abgedämpft, sobald der Finger für den nächsten Melodieton gebraucht wird.
Die Gitarre notiert klingend eine Oktave tiefer, als sie geschrieben steht — deshalb die kleine 8 unter dem Violinschlüssel. Das leere tiefe E klingt bei 82,4 Hz, notiert steht es aber auf der ersten Hilfslinie unter dem System, wo am Klavier das E bei 164,8 Hz läge. Diese Konvention verwirrt anfangs jeden, der von einem anderen Instrument kommt, und ist der Grund, warum Gitarre und Klavier aus derselben Partitur nicht ohne Weiteres zusammenspielen.
Eine Reihenfolge, die funktioniert
Fang mit Horetzky an. Seine Stücke sind durchnummeriert, kurz, und bleiben über weite Strecken in der ersten Lage. Nimm Nr. 15, Nr. 21 und Nr. 38 als Einstieg — zusammen etwa drei Seiten, in zwei Wochen zu bewältigen. Danach Carulli und Carcassi: dieselbe Lage, aber erste gebrochene Akkorde über drei Saiten.
Der dritte Schritt sind Sors Studien. Hier taucht zum ersten Mal echte Mehrstimmigkeit auf, und hier entscheidet sich, ob jemand klassische Gitarre spielt oder Akkorde anschlägt. Arbeitsweise: Spiel eine Woche lang nur die Bassstimme des Stücks, ohne Melodie, im Tempo 60. Dann eine Woche nur die Melodie. Erst dann beides. Diese Trennung fühlt sich langsam an und spart am Ende Wochen.
Giuliani und Aguado gehören in das zweite Jahr, Mertz und Tárrega ins dritte. „Adelita“ sieht auf dem Papier harmlos aus — 24 Takte, mäßiges Tempo — verlangt aber ein Barré im zweiten Bund über volle Takte hinweg und ein Rubato, das man nicht aus den Noten ablesen kann. Es ist ein gutes Ziel für das Ende des zweiten Jahres, aber ein schlechtes erstes Stück.
Typische Fehler
Der häufigste ist der zu früh gelöste Bass. Steht im Bass eine punktierte Halbe und in der Oberstimme laufen sechs Achtel, dann muss der Greiffinger für den Bass drei Zählzeiten lang stehen bleiben. Die meisten Anfänger heben ihn nach einer halben Zählzeit, weil die Hand zur Melodie will. Prüfen lässt sich das ohne Lehrer: Spiel die Stelle und höre, ob der Bass noch klingt, wenn der letzte Achtel kommt.
Der zweite Fehler ist die Fingersatzmarkierung, die ignoriert wird. Die Zahlen 1 bis 4 stehen für die Finger der Greifhand, p, i, m, a für die Anschlagshand, und die eingekreisten Zahlen für die Saite. Wer sich eigene Fingersätze zurechtlegt, landet bei Sor regelmäßig in einer Position, aus der der nächste Takt nicht erreichbar ist — der gedruckte Fingersatz ist meist nicht der bequemste für den aktuellen Takt, sondern der einzige, der den übernächsten noch zulässt.
Der dritte: Tempo zu früh. Ein Carcassi-Stück, das im Endtempo 96 stehen soll, wird bei 60 sauber und bei 76 schon unsauber geübt, weil es sich „fast wie richtig“ anfühlt. Die belastbare Methode ist die Tempoleiter — 60, 66, 72, 80, 88, 96 — mit der Regel, bei jedem Fehler um zwei Stufen zurückzugehen. Wer sie einhält, ist nach drei Wochen schneller sauber als jemand, der von Anfang an im Endtempo herumstolpert.