Interpretation
Künstlerische Deutung eines Werkes.
Was es bedeutet
Interpretation bezeichnet die künstlerische Deutung eines Werks durch die Ausführenden. Jeder Notentext lässt Entscheidungen offen — über Tempo, Dynamik, Phrasierung, Klangfarbe, Agogik —, und die Art, wie diese Entscheidungen getroffen werden, macht die Interpretation aus.
Zu unterscheiden ist sie von der Improvisation, bei der Musik erfunden wird, und von der bloßen Wiedergabe, die nur die Noten umsetzt. Interpretation liegt dazwischen: Der Text ist gegeben, seine klingende Gestalt nicht.
Wie weit eine Interpretation gehen darf, ist eine der großen Fragen des Musizierens. Die Spannbreite reicht von der Forderung nach möglichst genauer Umsetzung des Notierten bis zu der Überzeugung, dass jede Aufführung eine neue Deutung sein soll. Beide Haltungen haben ihre Begründungen.
Im Notenbild
Interpretation ist nicht notiert, sondern bezieht sich auf das, was die Notation offenlässt. Vortragsbezeichnungen, Tempoangaben und Artikulationszeichen geben Richtungen vor, aber kein Notentext bestimmt eine Aufführung vollständig. Vorworte, Quellen und Überlieferung ergänzen, was der Text nicht sagt.
Musikalische Verwendung
Die Vorstellung der Interpretation als eigene künstlerische Leistung entsteht im 19. Jahrhundert, als sich die Rollen von Komponist und Ausführendem trennen und ein fester Werkbestand entsteht, der immer wieder aufgeführt wird. Im 20. Jahrhundert tritt mit der historisch orientierten Aufführungspraxis die Frage hinzu, wie sich die Absicht einer Epoche aus den Quellen erschließen lässt.
Die Frage, wie frei ein Interpret mit dem Notentext umgehen darf, wurde in verschiedenen Epochen verschieden beantwortet. Im 19. Jahrhundert galt der Virtuose als zweiter Schöpfer, im 20. Jahrhundert forderte man Werktreue und Nüchternheit. Die historisch informierte Aufführungspraxis versucht seit den 1950er Jahren, Instrumente und Spielweisen der Entstehungszeit einzubeziehen. ## Spielpraxis
Beginne mit dem Text: Kläre, was vorgeschrieben ist, bevor du entscheidest, was du hinzufügst. Informiere dich über Stil und Entstehungszusammenhang, denn viele Entscheidungen folgen daraus. Triff deine Wahl bewusst und bleib bei ihr, statt bei jedem Durchgang anders zu spielen. Und höre dir verschiedene Aufführungen an, um zu erkennen, wie groß der Spielraum ist.