Zum Inhalt springen
Stimme

Kontratenor

Mittelalterliche Stimme zwischen Tenor und Discantus.

Was es bedeutet

Kontratenor ist ursprünglich keine Stimmgattung, sondern eine Stimmbezeichnung der mehrstimmigen Musik des späten Mittelalters. In dieser Musik trägt der Tenor die Hauptstimme, häufig einen vorgegebenen Cantus firmus; der Kontratenor tritt ihm gegenüber und bewegt sich in derselben Lage, teils über, teils unter ihm. Später wurde die Stimme aufgespalten in einen höheren und einen tieferen Zweig, den Contratenor altus und den Contratenor bassus, aus denen die Bezeichnungen Alt und Bass hervorgingen.

Musikalische Verwendung

Für das Verständnis alter Musik ist der Begriff wichtig, weil er zeigt, wie die heutigen Stimmlagen entstanden sind: nicht aus der Einteilung menschlicher Stimmen, sondern aus dem Satzgefüge. Der Kontratenor ist in seiner Führung oft sprunghaft und weniger melodisch als Tenor und Discantus, weil er die Lücken des Satzes füllt und die Zusammenklänge vervollständigt. Wer solche Musik heute aufführt, muss diese Rolle kennen, um die Stimme richtig zu gewichten. In neuerer Zeit wird das Wort auch als Synonym für den Countertenor gebraucht, also für eine hohe Männerstimme — eine Bedeutung, die mit der ursprünglichen nur mittelbar zusammenhängt.

Spielpraxis

Bei der Aufführung mittelalterlicher Mehrstimmigkeit lohnt es sich, den Satz zuerst ohne den Kontratenor zu hören, um Tenor und Oberstimme als Gerüst zu erfassen; danach wird deutlich, welche Funktion die dritte Stimme übernimmt. Singe sie nicht als selbständige Melodie, sondern achte auf die Zusammenklänge an den Zielpunkten. Besetzung und Ausführung — mit Stimmen, Instrumenten oder gemischt — sind Auslegungsfragen, über die die Quellen selten Auskunft geben und die im Ensemble zu entscheiden sind.

die moderne Verwendung des Wortes für eine hohe Männerstimme mit der historischen Satzbezeichnung nur mittelbar zusammenhängt: In Texten über mittelalterliche Musik ist stets zu prüfen, welche Bedeutung gemeint ist. Für die Aufführung solcher Musik gilt, die Stimme nach ihrer Funktion im Satz zu gestalten und nicht als selbständige Melodie. Kläre Besetzung und Ausführung als bewusste Entscheidung, da die Quellen wenig sagen. Achte auf die Zusammenklänge an den Zielpunkten und singe mit ruhiger Tongebung.