Anschlussmotiv
Motiv, das im Anschluss an eine Kadenz angehängt wird und deren Schlusswirkung bestätigt oder abwandelt.
Was es bedeutet
Ein Anschlussmotiv ist ein kurzes musikalisches Motiv, das unmittelbar an eine Kadenz angehängt wird, um deren Schlusswirkung zu bestätigen oder abzuwandeln. Der Begriff stammt aus der älteren deutschen Formenlehre, wie sie unter anderem Hugo Riemann geprägt hat, und beschreibt eine besondere Art des Nachklangs am Ende eines Satzabschnitts.
Anders als ein neuer thematischer Gedanke setzt das Anschlussmotiv keinen frischen Impuls, sondern verlängert die bereits erreichte Schlusswirkung: Es strebt gleichsam aus der Kadenz heraus, ohne diese in ihrer Wirkung aufzuheben, und wird deshalb auch als besonders reich ausgestaltete weibliche (unbetonte) Kadenzendung verstanden.
Im Notenbild
In der von Riemann geprägten Phrasierungslehre werden Anschlussmotive durch rückwärts überlaufende Phrasierungsbögen gekennzeichnet, die über den eigentlichen Kadenzschluss hinaus in den Anhang hineinreichen und ihn so als dessen Fortsetzung ausweisen.
Musikalische Verwendung
Anschlussmotive treten meist am Ende von Perioden oder Sätzen auf, oft mit gesteigerter Dynamik (Crescendo) und leichtem Vorwärtsdrängen (Stringendo) zu ihrem eigenen Schwerpunkt hin, bevor die Bewegung endgültig zur Ruhe kommt. Sie verstärken das Gewicht des Schlusses, ohne Takt- oder Periodenbau zu verändern.
Abzugrenzen ist das Anschlussmotiv von der Erweiterung, die eine Phrase insgesamt verlängert, etwa durch Wiederholung oder Einschub vor der eigentlichen Kadenz, sowie von der Codetta, die als kleiner Anhang einen ganzen Abschnitt bekräftigt oder mit dem folgenden verbindet, meist in größerem Maßstab als ein einzelnes Motiv. Das Anschlussmotiv ist demgegenüber die knappste dieser drei Formen: ein einzelnes, unmittelbar an die Kadenz gehängtes motivisches Gebilde.
Spielpraxis
Höre beim Üben genau auf den Moment der Kadenz und darüber hinaus: Ein Anschlussmotiv soll wie ein Nachklang wirken, der aus dem Schluss herauswächst, nicht wie ein neuer Gedanke. Gestalte Crescendo und leichtes Drängen zum Schwerpunkt des Motivs bewusst, lass die Bewegung danach aber deutlich abklingen, damit der Schlusscharakter erhalten bleibt.