Cantilena
Liedhafte Melodielinie.
Was es bedeutet
Cantilena bezeichnet eine gesangliche, ruhig fließende Melodielinie. Gemeint ist weniger eine Form als eine Art zu schreiben und zu spielen: gebunden, in weiten Bögen, ohne scharfe Artikulation und ohne virtuoses Beiwerk. Der Begriff wird ebenso für Vokal- wie für Instrumentalmusik gebraucht; wenn von der Kantilene eines Instruments die Rede ist, meint das eine Linie, die wie Gesang geführt wird.
Musikalische Verwendung
Die Vorstellung, dass Instrumentalmusik singen soll, prägt die europäische Musik nachhaltig. Langsame Sätze von Sonaten, Konzerten und Sinfonien sind häufig kantabel angelegt und verlangen von Bläsern und Streichern, was Sänger tun: Atembögen bilden, Töne verbinden, Phrasen auf einen Höhepunkt führen. In der Oper des 19. Jahrhunderts steht die Kantilene im Wechsel mit beweglichen und deklamatorischen Abschnitten und trägt die lyrischen Momente. Von der Koloratur unterscheidet sie sich durch den Verzicht auf Beweglichkeit, vom Rezitativ durch die geschlossene melodische Form.
Spielpraxis
Denke in Bögen statt in Tönen: Bestimme den Zielton jeder Phrase und führe alles darauf zu. Halte den Klang gleichmäßig und vermeide ungewollte Akzente an Taktanfängen. Bei Streichern gelingt das durch unhörbare Bogenwechsel und stabilen Kontaktpunkt, bei Bläsern durch ruhige Luftführung und sparsame Zunge, bei Sängern durch gleichmäßige Stütze. Plane Atem- und Bogenstellen musikalisch und notiere sie. Setze Vibrato als Farbe ein, nicht als Dauerzustand, und halte das Tempo beweglich, aber ohne Zerfall.
Prüfe außerdem, wo die Melodie ihren höchsten Punkt erreicht, und richte die Steigerung darauf aus, statt jede Wendung gleich zu gewichten. Achte auf die Begleitung: Eine Kantilene wirkt nur, wenn sie Raum bekommt, und die Balance ist wichtiger als der eigene Klang. Übe die Linie in verschiedenen Tempi, weil sich der Bogen dabei anders verteilt. Bei Wiederholungen lohnt eine Veränderung der Farbe statt einer Veränderung der Lautstärke. Vermeide es, an jedem Phrasenende abzusetzen; oft trägt die Linie über mehrere Takte hinweg.