Cori spezzati
Mehrchörige Kompositionsweise mit räumlich getrennt aufgestellten, miteinander wechselnden Chören, typisch für Venedig um 1600.
Was es bedeutet
Cori spezzati, italienisch „getrennte Chöre“, bezeichnet eine mehrchörige Kompositions- und Aufführungspraxis, bei der zwei oder mehr Vokal- oder Instrumentalgruppen räumlich voneinander getrennt aufgestellt werden und im Wechsel oder gemeinsam musizieren. Die räumliche Trennung ist dabei kein Zufall, sondern selbst gestalterisches Mittel: Klang wandert zwischen den Chören hin und her oder verschmilzt an bestimmten Stellen zu vollem, mehrchörigem Klang.
Musikalische Verwendung
Die Technik erreichte ihre Blüte in Venedig um 1600, begünstigt durch die besondere Architektur des Markusdoms mit seinen zwei einander gegenüberliegenden Orgelemporen, die eine natürliche Aufstellung getrennter Chöre ermöglichten. Zentrale Komponisten waren Adrian Willaert, der als Kapellmeister von San Marco früh mehrchörige Psalmvertonungen schrieb, sowie später Andrea Gabrieli und dessen Neffe Giovanni Gabrieli, deren mehrchörige Motetten und Sonaten die Technik zu voller Pracht entwickelten.
Abzugrenzen sind Cori spezzati von der schlichten Doppelchörigkeit, bei der zwei Chöre ohne besondere räumliche Wirkung gemeinsam auf derselben Empore singen: Erst die bewusste räumliche Trennung und das kompositorische Spiel mit Echo- und Antwortwirkungen macht die venezianische Mehrchörigkeit im engeren Sinn aus. Der Stil beeinflusste auch die frühe Instrumentalmusik, etwa Giovanni Gabrielis Sonata pian e forte, die als eines der frühesten Werke mit ausdrücklicher Dynamikbezeichnung gilt.
Spielpraxis
Wirkst du an einer Aufführung im Stil der Cori spezzati mit, achte auf präzises Timing zwischen den räumlich getrennten Gruppen, da die Klangverzögerung durch den Raum die Koordination erschwert. Nutze bewusst die Möglichkeit, Klang von einer Seite zur anderen wandern zu lassen, statt die räumliche Trennung nur als organisatorisches Detail zu behandeln.