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Geschichte

Diaphonie

Mittelalterlicher Begriff für frühe Formen der Mehrstimmigkeit (Organum); ursprünglich griechisch für Missklang bzw. Dissonanz.

Was es bedeutet

Das Wort Diaphonie stammt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich Missklang oder Übelklang, also das Gegenteil der Symphonia, des wohlklingenden Zusammenklangs. In dieser älteren Bedeutung meinte Diaphonia bzw. Diaphonesis ein dissonierendes Intervall, einen Klang, der als unrein oder spannungsreich empfunden wurde.

Im lateinischen Mittelalter wandelte sich der Begriff und wurde zu einer festen Bezeichnung für frühe Formen der Mehrstimmigkeit, insbesondere für das Organum, bei dem zu einer gegebenen liturgischen Melodie (dem Cantus firmus) eine zweite Stimme in festen Intervallabständen, häufig in Quarten oder Quinten, hinzugefügt wurde. Diese frühen Mehrstimmigkeitsformen wurden also, obwohl sie inzwischen als geregeltes musikalisches Verfahren galten, noch mit einem Wort belegt, das ursprünglich Dissonanz bezeichnete, weil das gleichzeitige Erklingen zweier selbstständiger Stimmen aus Sicht der einstimmigen Tradition zunächst als klanglich fremd und ungewohnt empfunden wurde.

Musikalische Verwendung

In mittelalterlichen Traktaten erscheint Diaphonie häufig gleichbedeutend mit Organum und dient dort als Oberbegriff für die frühesten notierten Formen mehrstimmiger Kirchenmusik, wie sie unter anderem in der Musica enchiriadis (9. Jahrhundert) und in späteren Organum-Traktaten beschrieben werden. Historisch markiert die Diaphonie damit einen entscheidenden Schritt vom einstimmigen Choralgesang hin zur mittelalterlichen Mehrstimmigkeit, aus der sich später komplexere Techniken wie das melismatische Organum und schließlich die Motette entwickelten.

Wichtig ist die Doppeldeutigkeit des Begriffs: In der Antike stand Diaphonia für Dissonanz im heutigen Sinn, im Mittelalter dagegen für ein geregeltes mehrstimmiges Verfahren, das aus heutiger Sicht eher als klanglich konsonant gelten würde. Der Bedeutungswandel spiegelt, wie sich die Bewertung von Zusammenklängen über die Jahrhunderte veränderte.