Dies irae
Sequenz aus dem Requiem, „Tag des Zorns“.
Was es bedeutet
Dies irae ist eine lateinische Sequenz, die das Jüngste Gericht schildert; die Anfangsworte bedeuten „Tag des Zorns". Sie gehörte lange zur Totenmesse und wird dort nach dem Graduale gesungen. Die zugehörige Choralmelodie ist eine der bekanntesten des gesamten Repertoires: Sie beginnt mit einer knappen, stufenweise absteigenden Wendung, die sich leicht einprägt und wiedererkennen lässt.
Musikalische Verwendung
In Requiemvertonungen ist das Dies irae häufig der längste und dramatischste Teil; sein Text bietet eine Folge von Bildern, die zu starken Kontrasten einlädt, von wuchtigen Chören bis zu leisen, bittenden Abschnitten. Darüber hinaus hat die Choralmelodie ein Eigenleben entwickelt: Komponisten zitieren sie seit dem 19. Jahrhundert in Instrumentalwerken, um Tod, Bedrohung oder das Unheimliche anzudeuten, und verlassen sich darauf, dass Hörer sie erkennen. Das Zitat kann dabei wörtlich, verfremdet oder rhythmisch verändert erscheinen. Damit ist die Melodie eines der wenigen musikalischen Zeichen mit weithin geteilter Bedeutung.
Der Text wird meist Thomas von Celano zugeschrieben, mitunter auch Latino Malabranca Orsini; er war bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1969/70) fester Teil der Totenmesse. Die gregorianische Melodie wurde in der Instrumentalmusik vielfach zitiert, etwa von Berlioz in der Symphonie fantastique, von Liszt im Totentanz und von Rachmaninow, unter anderem in der Toteninsel.
Spielpraxis
Gestalte den Text in klar unterschiedenen Abschnitten, statt durchgehend laut zu singen; die Wirkung entsteht aus dem Wechsel. Achte auf deutliche Konsonanten, weil der Text in schnellen Passagen sonst unverständlich wird. Kenne die zugrunde liegende Choralmelodie, auch wenn eine Vertonung sie nicht zitiert — sie erklärt viele melodische Wendungen. Bei Instrumentalwerken mit Zitat lohnt es, die Stelle so zu gestalten, dass die Melodie hörbar hervortritt, ohne den Satz zu stören. Plane in langen Requiemvertonungen die Kräfteeinteilung über den ganzen Satz.
In vielen Vertonungen ist der Text auf mehrere Sätze verteilt, und die Aufführung bekommt dadurch einen eigenen Verlauf: Verschaffe dir einen Überblick über die Gliederung und plane Charakter und Kräfte für jeden Abschnitt. In liturgischer Verwendung ist die Länge mit der Leitung abzustimmen.