A prima vista
Vom Blatt gespielt, ohne vorherige Übung.
Was es bedeutet
A prima vista heißt „auf den ersten Blick" und bezeichnet das Spielen oder Singen vom Blatt: Ein Notentext wird ausgeführt, ohne ihn vorher geübt zu haben. Im Deutschen spricht man vom Blattspiel oder Vom-Blatt-Singen, im Französischen von à vue.
Zu unterscheiden ist das Blattspiel von der Improvisation. Dort wird die Musik im Moment erfunden, hier wird ein vorhandener Text im Moment gelesen und umgesetzt. Ebenso zu trennen ist es vom Auswendigspiel, bei dem der Text bereits verinnerlicht ist.
Der Ausdruck bezeichnet zugleich eine Fähigkeit, die in der musikalischen Ausbildung eigens geübt wird und für Korrepetitoren, Orchestermusiker und Begleiter zum Handwerk gehört.
Im Notenbild
Als Spielanweisung im Notentext ist die Wendung ungebräuchlich; sie beschreibt eine Situation, nicht eine Vortragsart. Gebräuchlich ist sie dagegen im Unterricht und im Notenhandel, als Bezeichnung für Übungsmaterial zum Blattspiel und für leichte Stücke, die ohne Vorbereitung spielbar sein sollen.
Musikalische Verwendung
Das Blattspiel gehört seit jeher zur Berufspraxis. In Zeiten, in denen Musik überwiegend für den unmittelbaren Gebrauch geschrieben wurde, war es selbstverständlich, dass Musiker unbekannte Stücke unmittelbar ausführten. Auch heute ist es im Orchesterdienst, in der Liedbegleitung und in der Kirchenmusik alltäglich. In Wettbewerben und Aufnahmeprüfungen bildet es eine eigene Aufgabe.
Die Musikpsychologie hat das Vorauslesen gemessen. John Sloboda übertrug 1974 ein Verfahren aus der Leseforschung auf das Blattspiel: Der Notentext wird während des Spiels unerwartet ausgeblendet, und die Zahl der danach noch richtig gespielten Noten ergibt die Auge-Hand-Spanne. Spätere Studien bestätigen übereinstimmend, dass geübte Blattspieler weiter vorauslesen als ungeübte.
Spielpraxis
Verschaffe dir vor dem ersten Ton einen Überblick: Tonart, Taktart, Tempo, auffällige Stellen, Wiederholungszeichen. Wähle ein Tempo, das du an der schwierigsten Stelle halten kannst, nicht am Anfang. Lies voraus — der Blick sollte immer einen Takt weiter sein als die Hände. Und halte den Puls durch, auch wenn Töne fehlen: Weiterspielen ist wichtiger als Vollständigkeit.