Cheironomie
Antike und mittelalterliche Dirigierweise durch Handbewegungen, die Tempo und Melodieverlauf anzeigte.
Was es bedeutet
Cheironomie (griechisch für „Handleitung“) bezeichnet eine im Altertum und frühen Mittelalter gebräuchliche Art, einen singenden Chor mit Handbewegungen zu führen. Der Vorsänger oder Chorleiter zeigte dabei nicht einzelne Töne im heutigen Sinn an, sondern den Verlauf der Melodie: Auf- und Abwärtsbewegungen der Hand deuteten steigende oder fallende Linien an, Größe und Schärfe der Geste ließen auf Tonschritt oder Tonsprung schließen.
Belegt ist diese Praxis bereits im Alten Ägypten und in der jüdischen Kultmusik; im christlichen Mittelalter diente sie zur Leitung des einstimmigen liturgischen Gesangs, bevor eine genaue Notenschrift zur Verfügung stand.
Musikalische Verwendung
In der Forschung gilt die Cheironomie als einer der Wege, auf denen sich die früheste Notenschrift des Abendlandes, die Neumen, entwickelt haben könnte: Die geschwungenen Linien mancher Neumenformen erinnern an die Handbewegungen, die sie ursprünglich begleiteten oder abbildeten. Ein direkter, lückenloser Nachweis dieser Herleitung ist jedoch nicht möglich, da aus der mündlichen Praxis selbst keine Aufzeichnungen erhalten sind.
Abzugrenzen ist die Cheironomie vom späteren Dirigieren mit Taktstock, das erst seit dem 19. Jahrhundert allgemein üblich wurde und in erster Linie den Takt, nicht die Melodielinie, anzeigt. Auch von der Solmisation unterscheidet sie sich: Diese ordnet Tönen feste Silben zu, während die Cheironomie eine rein visuelle, gestische Anzeige ist.
Spielpraxis
Wenn du dich mit früher Chormusik oder mit der Geschichte der Notenschrift beschäftigst, hilft es, dir die Cheironomie als gelebte Brücke zwischen freiem Vorsingen und fester Aufzeichnung vorzustellen: Beobachte, wie auch heute noch Chorleiterinnen und Chorleiter mit der Hand Phrasierung und Linie andeuten, ganz ohne Taktschlag – darin lebt ein Stück cheironomischer Praxis fort.