Parodie
Wiederverwendung eines Werkes mit neuem Text.
Was es bedeutet
Parodie bezeichnet in der älteren Musik die Wiederverwendung vorhandener Musik mit neuem Text oder in neuem Zusammenhang. Der Begriff enthält keine spöttische Bedeutung — anders als im heutigen Sprachgebrauch. Gemeint ist ein handwerkliches Verfahren: Ein Satz aus einer weltlichen Kantate erhält einen geistlichen Text, eine Chanson wird zur Grundlage einer Messe, ein bestehender mehrstimmiger Satz wird für einen neuen Zweck umgearbeitet.
Musikalische Verwendung
Das Verfahren war über Jahrhunderte selbstverständlich und hatte praktische wie künstlerische Gründe: Gelungene Musik sollte nicht nach einer einzigen Aufführung verschwinden, und der Bedarf an Musik für bestimmte Anlässe war groß. Die Parodiemesse der Renaissance verarbeitet das Material einer Vorlage in allen Sätzen und gehört zu den kunstvollsten Gattungen ihrer Zeit. Im 18. Jahrhundert werden Sätze weltlicher Werke mit geistlichem Text versehen und in Kantaten und Oratorien eingefügt. Bei guter Arbeit passt der neue Text in Betonung und Ausdruck so genau, dass die Umarbeitung nicht auffällt.
Spielpraxis
Wenn ein Werk auf einer Parodie beruht, lohnt der Blick auf die Vorlage: Manches an Deklamation und Gestus erklärt sich erst daraus. Prüfe bei der Gestaltung, ob der neue Text an allen Stellen gut auf der Musik sitzt, und kläre Silbenverteilungen, die in Ausgaben unterschiedlich gelöst werden. Vermeide es, die ursprüngliche Bedeutung gegen die neue auszuspielen; für die Zeitgenossen war das Verfahren kein Widerspruch. Erläutere den Zusammenhang gegebenenfalls im Programm. Prüfe bei bekannten Parodiefällen die zeitliche Reihenfolge, weil nicht immer die geistliche Fassung die spätere ist. Eine Umtextierung verändert Silbenzahl und Betonung, deshalb muss die Deklamation neu geprüft werden. Für die Aufführung ist außerdem wichtig, dass eine parodierte Fassung eigene Lesarten und Fehler enthalten kann: Vergleiche bei erhaltenen Vorlagen beide Quellen, weil sich Unklarheiten an einer Stelle häufig aus der anderen klären lassen. Nenne im Programmheft den Zusammenhang, wenn er für das Verständnis des Werkes erheblich ist.