Abgesang
Schlussteil der mittelalterlichen Barform AAB.
Was es bedeutet
Der Abgesang ist der zweite Hauptteil der Barform, einer Liedform mit der Anlage AAB. Die beiden gleichen A-Teile heißen Stollen und bilden zusammen den Aufgesang; der abschließende B-Teil ist der Abgesang. Die Stollen wiederholen dieselbe Melodie mit verschiedenem Text, der Abgesang bringt neues melodisches Material und führt zum Schluss.
Musikalische Verwendung
Die Barform stammt aus der Liedkunst des Mittelalters und ist in der Dichtung und im Gesang der Minnesänger und später der Meistersinger überliefert; die Bezeichnungen Stollen und Abgesang stammen aus deren Tradition. Von dort gelangte sie in das evangelische Kirchenlied, wo sie außerordentlich verbreitet ist: Zahlreiche Choräle folgen dem Muster, bei dem die ersten beiden Zeilenpaare auf dieselbe Melodie gesungen werden und dann ein neuer Teil folgt.
Der Abgesang ist häufig länger als ein einzelner Stollen und nimmt gelegentlich Material aus dem Aufgesang wieder auf, besonders gegen Ende — dann spricht man von einer Reprisenbarform, bei der der Schluss des Abgesangs an den Stollen anknüpft. Diese Rückbindung verleiht der Form Geschlossenheit.
Das Prinzip — Wiederholung, dann Fortsetzung — lässt sich auch in viel späterer Musik beobachten, etwa in Themen, die aus einer zweimal gebrachten kurzen Phrase und einer längeren Fortspinnung bestehen.
Abzugrenzen ist die Barform von der Bogenform, die symmetrisch um eine Mitte angelegt ist, und von der zweiteiligen Form, deren Teile nicht in diesem Verhältnis zueinander stehen.
Bei den Meistersingern bezeichnete Bar das ganze mehrstrophige Lied; jede Strophe, das Gesätz, gliederte sich in zwei Stollen und den Abgesang. Richard Wagner lässt diese Regel in den Meistersingern von Nürnberg zitieren: Im ersten Aufzug verliest Kothner die Tabulatur, nach der die beiden Stollen „gleiche Melodei haben sollen“, der Abgesang dagegen „sein' besond're Melodei, als nicht im Stollen zu finden sei“.
Spielpraxis
Gestalte die beiden Stollen verwandt, aber nicht identisch — der Text ist verschieden, und das soll hörbar sein. Setze mit dem Abgesang deutlich neu an, denn hier beginnt der eigentliche Weg zum Schluss. Und achte bei Chorälen auf die Wiederholung im Notenbild; sie ist oft nur durch ein Wiederholungszeichen angedeutet.