Apertus
„Offener“ erster Schluss in mittelalterlicher Musik.
Was es bedeutet
Apertus — „offen" — bezeichnet in der mittelalterlichen Musik den ersten von zwei Schlüssen eines wiederholten Abschnitts. Sein Gegenstück ist clausus, der „geschlossene" zweite Schluss. Beim ersten Durchgang endet der Abschnitt offen und führt zur Wiederholung zurück; beim zweiten endet er geschlossen auf dem Schlusston.
Musikalische Verwendung
Das Verfahren ist in weltlichen Liedformen und Tänzen des 14. und 15. Jahrhunderts verbreitet, besonders in den französischen Formen, deren Teile wiederholt werden. In den Quellen wird der Abschnitt nur einmal notiert, gefolgt von den beiden verschiedenen Schlusswendungen, die entsprechend bezeichnet sind — im Französischen ouvert und clos.
Klanglich endet der offene Schluss meist auf einem Ton, der nicht die Finalis ist, häufig einen Ganzton darüber oder darunter, und lässt damit eine Fortsetzung erwarten. Der geschlossene Schluss endet auf der Finalis und schließt ab. Das Verhältnis ist dem späteren Paar aus Halbschluss und Ganzschluss verwandt, beruht aber auf modaler Schlussbildung statt auf funktionaler Harmonik.
Das Prinzip hat sich über Jahrhunderte erhalten. In der heutigen Notation entspricht ihm die Schreibweise mit nummerierten Klammern über den Schlusstakten, prima volta und seconda volta, die denselben Sachverhalt ausdrückt: gleicher Abschnitt, verschiedenes Ende.
Beide Schlüsse teilen sich den vorangehenden Abschnitt, der wiederholt wird, und unterscheiden sich nur in der Schlusswendung. Die Einrichtung findet sich in der Estampie und in weltlichen Liedformen des 14. Jahrhunderts wie Ballade und Virelai. Sie ist ein Vorläufer der späteren Wiederholungsschlüsse prima und seconda volta, die dasselbe Prinzip im modernen Notenbild darstellen. Anders als dort liegt der offene Schluss oft auf einem anderen Ton als der Finalis. ## Spielpraxis
Gestalte den offenen Schluss als Übergang und nicht als Ende — die Musik kehrt zurück, und der Klang soll das vorbereiten. Setze den geschlossenen Schluss als Ankunft. Und lies bei Ausgaben alter Musik genau, welcher Schluss zu welchem Durchgang gehört; die Bezeichnungen stehen oft klein über den Noten.