Apertus
„Offener“ erster Schluss in mittelalterlicher Musik.
Was es bedeutet
Apertus — „offen" — bezeichnet in der mittelalterlichen Musik den ersten von zwei Schlüssen eines wiederholten Abschnitts. Sein Gegenstück ist clausus, der „geschlossene" zweite Schluss. Beim ersten Durchgang endet der Abschnitt offen und führt zur Wiederholung zurück; beim zweiten endet er geschlossen auf dem Schlusston.
Musikalische Verwendung
Das Verfahren ist in weltlichen Liedformen und Tänzen des 13. bis 15. Jahrhunderts verbreitet, besonders in den französischen Formen, deren Teile wiederholt werden. In den Quellen wird der Abschnitt nur einmal notiert, gefolgt von den beiden verschiedenen Schlusswendungen, die entsprechend bezeichnet sind — im Französischen ouvert und clos.
Klanglich endet der offene Schluss meist auf einem Ton, der nicht die Finalis ist, und lässt damit eine Fortsetzung erwarten. Der geschlossene Schluss endet auf der Finalis und schließt ab. Das Verhältnis ist dem späteren Paar aus Halbschluss und Ganzschluss verwandt, beruht aber auf modaler Schlussbildung statt auf funktionaler Harmonik.
Das Prinzip hat sich über Jahrhunderte erhalten. In der heutigen Notation entspricht ihm die Schreibweise mit nummerierten Klammern über den Schlusstakten, prima volta und seconda volta, die denselben Sachverhalt ausdrückt: gleicher Abschnitt, verschiedenes Ende.
Johannes de Grocheio beschreibt um 1300 die Estampie, deren Abschnitte (puncta) jeweils zweimal erklingen und sich nur im Schluss unterscheiden; die beiden Schlüsse nennt er apertum und clausum. Im 14. Jahrhundert hat auch die Ballade im A-Teil oft einen offenen und einen geschlossenen Schluss, etwa Guillaume de Machauts „Honte, paour, doubtance“.
Spielpraxis
Gestalte den offenen Schluss als Übergang und nicht als Ende — die Musik kehrt zurück, und der Klang soll das vorbereiten. Setze den geschlossenen Schluss als Ankunft. Und lies bei Ausgaben alter Musik genau, welcher Schluss zu welchem Durchgang gehört; die Bezeichnungen stehen oft klein über den Noten.