Zum Inhalt springen
Geschichte

Ars antiqua

Mehrstimmige Musik Frankreichs im 13. Jahrhundert, vor der Ars nova.

Was es bedeutet

Ars antiqua, „alte Kunst“, nennt man rückblickend die mehrstimmige Musik Frankreichs im 13. Jahrhundert, vor allem die der Notre-Dame-Schule in Paris und ihrer Nachfolger. Den Namen prägte man erst im 14. Jahrhundert, als man diese Epoche von der neuen Kompositions- und Notationsweise der Ars nova abgrenzen wollte. Für die Zeitgenossen selbst war ihre Musik keine „alte“, sondern schlicht die aktuelle Kunst.

Zur Ars antiqua zählen die großen mehrstimmigen Formen des 13. Jahrhunderts: der Organum-Gesang der Notre-Dame-Meister Léonin und Pérotin, die Motette als weltliche wie geistliche Form mit mehreren gleichzeitig gesungenen Texten, und der Conductus, ein lateinisches, meist syllabisch vertontes Strophenlied.

Im Notenbild

Kennzeichnend ist die Modalnotation: Rhythmische Muster wurden nicht durch einzelne Notenwerte, sondern durch feste Folgen der sechs rhythmischen Modi angezeigt, die sich an antiken Versfüßen orientierten. Erst gegen Ende der Epoche entwickelte Franco von Köln in seinem Traktat Ars cantus mensurabilis eine Notation, die einzelnen Notenformen feste, voneinander unabhängige Zeitwerte zuordnete – ein wichtiger Schritt zur mensuralen Notation der Ars nova.

Musikalische Verwendung

Die Ars antiqua ist die Blütezeit der frühen abendländischen Mehrstimmigkeit. Ausgehend vom Organum, bei dem eine liturgische Melodie durch eine oder mehrere begleitende Stimmen erweitert wird, entwickelte sich die Motette zur zentralen Gattung: Über einer aus dem gregorianischen Choral entnommenen Tenorstimme legten die oberen Stimmen eigene, oft weltliche Texte an, sodass verschiedene Sprachen und Inhalte gleichzeitig erklangen.

Abzugrenzen ist die Ars antiqua von der Ars nova, die ab etwa 1320 mit Philippe de Vitry und Guillaume de Machaut eine differenziertere Rhythmik einführte, welche neben der dreiteiligen auch die zweiteilige Unterteilung der Notenwerte gleichberechtigt zuließ, und die die enge Bindung an feste rhythmische Modi löste. Auch die Auffassung von Konsonanz und Dissonanz verschob sich: Wo die Ars antiqua vor allem reine Quinten und Oktaven als vollkommene Konsonanzen behandelte, gewannen in der Ars nova Terzen und Sexten zunehmend an klanglichem Gewicht.

Spielpraxis

Wenn du Ars-antiqua-Musik hörst oder aufführst, achte auf die modalen Rhythmusmuster, die den einzelnen Stimmen zugrunde liegen; sie geben der Musik ihren tänzerisch-schreitenden Charakter. Bei Motetten lohnt es sich, den einzelnen Textschichten getrennt zu folgen, um die kunstvolle Überlagerung der Stimmen nachzuvollziehen.