Ars nova
Neue Kompositions- und Notationsweise im Frankreich des 14. Jahrhunderts (Philippe de Vitry, Machaut).
Was es bedeutet
Ars nova, „neue Kunst“, heißt die Kompositions- und Notationsweise, die um 1320 im nordfranzösischen Raum entstand und die Musik des 14. Jahrhunderts prägte. Den Namen gab ihr eine Abhandlung, die dem Komponisten und Theoretiker Philippe de Vitry (1291–1361) zugeschrieben wird. Sie beschrieb erstmals eine Notation, die neben der zuvor üblichen dreiteiligen auch die zweiteilige Unterteilung der Notenwerte gleichberechtigt zuließ.
Der bedeutendste Komponist der Ars nova war Guillaume de Machaut (um 1300–1377), Dichter und Musiker zugleich. Von ihm stammt mit der Messe de Notre Dame eine der frühesten vollständig überlieferten mehrstimmigen Vertonungen des Messordinariums durch einen einzelnen, namentlich bekannten Komponisten.
Im Notenbild
Die Ars nova entwickelte die mensurale Notation entscheidend weiter: Jede Notenform erhielt einen festen, aber je nach Kontext zwei- oder dreiteilig unterteilbaren Zeitwert. Dadurch ließen sich verschiedene Taktarten exakt unterscheiden und sogar gleichzeitig in unterschiedlichen Stimmen verwenden, etwa in Isorhythmien, bei denen eine feste rhythmische Figur wiederholt mit wechselnder Melodie unterlegt wird.
Musikalische Verwendung
Zu den wichtigsten Gattungen der Ars nova zählen die isorhythmische Motette, in der Tenor und Oberstimmen nach unabhängigen, sich wiederholenden rhythmischen Mustern organisiert sind, sowie weltliche, formal streng gebundene Liedformen wie Ballade, Rondeau und Virelai, die vor allem am französischen Hof gepflegt wurden. Klanglich rückten Terzen und Sexten stärker in den Vordergrund, ohne die Quinten- und Oktavklänge der älteren Musik zu verdrängen.
Abzugrenzen ist die Ars nova von der vorausgehenden Ars antiqua, deren Rhythmik an feste modale Muster gebunden war, und von der etwas jüngeren Ars subtilior, einer besonders komplexen, oft rätselhaft notierten Spielart am Ende des 14. Jahrhunderts. Vom gleichzeitigen italienischen Trecento unterscheidet sich die französische Ars nova durch eigene Formen und eine eigenständige Notationstradition, obwohl beide Strömungen sich gegenseitig beeinflussten.
Spielpraxis
Achte bei Ars-nova-Musik auf die rhythmische Unabhängigkeit der Stimmen: Anders als in homophoner Musik folgen sie oft eigenen, ineinander verschränkten Mustern. Bei isorhythmischen Motetten hilft es, die wiederkehrende rhythmische Figur des Tenors zunächst für sich zu erfassen, bevor du die Oberstimmen dazu hörst.