Madrigalismus
Tonmalerische Wortdarstellung im Madrigal.
Was es bedeutet
Madrigalismus bezeichnet die musikalische Darstellung einzelner Wörter oder Bilder des Textes. Steigt die Rede zum Himmel, steigt die Melodie; ist von Schmerz die Rede, erscheint eine Dissonanz; bei Eile laufen kurze Notenwerte, bei Tod und Stille eine Pause oder ein Halten. Der Name kommt vom Madrigal, in dem das Verfahren seine Blütezeit hatte, doch es begegnet ebenso in geistlicher Musik und weit über das 16. Jahrhundert hinaus.
Im Notenbild
Erkennbar sind solche Stellen daran, dass sich das musikalische Geschehen an einem einzelnen Wort auffällig ändert: ein plötzlicher Wechsel der Notenwerte, ein Sprung, eine ungewöhnliche Harmonie, eine Pause mitten im Satz. Manchmal ist die Darstellung nur im Notenbild sichtbar und kaum hörbar, etwa wenn bei Nacht oder Trauer schwarze Notenwerte gesetzt werden — ein Kunstgriff, der für den Sänger gedacht ist.
Musikalische Verwendung
Hinter dem Verfahren steht die Auffassung, Musik solle den Text auslegen wie eine Rede. Es hängt eng mit der musikalischen Rhetorik zusammen, die feste Figuren für bestimmte Ausdrucksabsichten kennt. Die Gefahr der Übertreibung wurde schon zur Entstehungszeit gesehen: Wo jedes Wort einzeln bebildert wird, zerfällt die Linie. Die überzeugendsten Beispiele verbinden die Einzeldarstellung mit einem übergeordneten Bogen, sodass der Satz als Ganzes bestehen bleibt.
Spielpraxis
Suche beim Einstudieren gezielt nach solchen Stellen und kläre, welches Wort gemeint ist; ohne Textverständnis bleiben sie unbemerkt. Gestalte sie deutlich, aber ohne die Phrase zu zerreißen — meist genügt eine kleine Veränderung von Farbe oder Zeit. Achte darauf, den Text an diesen Stellen besonders verständlich zu singen. Bei dissonanten Wendungen übt die Akkorde langsam auf Intonation, damit die Wirkung nicht durch Unsauberkeit entsteht.
das Verfahren in der geistlichen Musik ebenso begegnet wie im weltlichen Madrigal und bis weit ins 18. Jahrhundert wirksam bleibt: Wer es nur als Eigenheit einer Epoche versteht, überhört es anderswo. Prüfe bei jedem Text, welche Wörter musikalisch hervorgehoben werden.