Rhetorik
Lehre der musikalischen Affektdarstellung.
Was es bedeutet
Musikalische Rhetorik bezeichnet die Auffassung, dass Musik wie eine Rede gebaut ist und wie eine Rede wirken soll. Sie prägte das 17. und 18. Jahrhundert und übernahm von der antiken Redekunst sowohl den Aufbau — Einleitung, Darlegung, Ausführung, Schluss — als auch einen Bestand benennbarer Figuren, mit denen einzelne Wendungen bezeichnet und erklärt wurden.
Musikalische Verwendung
Grundlage ist die Affektenlehre: Ein Satz oder Abschnitt stellt einen bestimmten Affekt dar — Freude, Klage, Zorn, Ruhe — und soll ihn beim Hörer hervorrufen. Dafür standen erprobte Mittel bereit. Eine absteigende chromatische Basslinie steht für Klage und liegt vielen Lamento-Sätzen zugrunde; scharfe Dissonanzen, ungewöhnliche Sprünge, Wiederholungen, plötzliche Pausen und die Tonmalerei einzelner Wörter gehören in denselben Zusammenhang. In der Vokalmusik ist der Text der Schlüssel: Er sagt, welcher Affekt dargestellt wird und warum die Musik an einer Stelle aus dem Rahmen fällt.
Es kommt darauf an, mit welchem Anspruch diese Lehre heute gelesen wird. Die Traktate der Zeit sind nicht einheitlich: Sie benennen verschiedene Figuren, verwenden dieselben Namen für Verschiedenes und ordnen sie unterschiedlich. Eine geschlossene Systematik, wie sie spätere Darstellungen mitunter nahelegen, hat es so nicht gegeben. Als Hinweis darauf, wie Musik dieser Zeit verstanden und vorgetragen wurde, bleibt die Figurenlehre gleichwohl aufschlussreich.
Die musikalische Rhetorik übernahm Begriffe der antiken Redekunst, um Aufbau und Ausdruck von Musik zu beschreiben. Besonders im 17. und 18. Jahrhundert verglichen Theoretiker wie Joachim Burmeister und Johann Mattheson die Komposition mit einer Rede. Figuren wie Anabasis, Katabasis, Passus duriusculus oder Suspiratio stehen für bestimmte Affekte oder Textbilder. ## Spielpraxis
Lies bei Vokalmusik den Text, bevor du übst, und ordne jedem Abschnitt seinen Affekt zu; die Gestaltung ergibt sich daraus fast von selbst. Halte einen einmal erkannten Affekt über den ganzen Abschnitt durch, statt innerhalb weniger Takte die Haltung zu wechseln. Und führe auffällige Wendungen nicht zusätzlich vor — sie wirken, wenn ihre Umgebung ruhig bleibt.