Dissonanz
Zusammenklang, der nach Auflösung verlangt; die Frequenzverhältnisse sind komplex.
Was es bedeutet
Eine Dissonanz ist ein Zusammenklang, der nicht in sich ruht, sondern nach Weiterführung verlangt. Akustisch liegen ihr komplexe Frequenzverhältnisse zugrunde: Die Teiltöne der beteiligten Töne decken sich nicht, es entstehen Schwebungen, und der Klang wirkt gespannt. Als dissonant gelten Sekunden, Septimen, der Tritonus und alle übermäßigen und verminderten Intervalle; die Quarte über dem Bass nimmt eine Sonderstellung ein und wird im strengen Satz ebenfalls als dissonant behandelt.
Musikalische Verwendung
Entscheidend ist, dass die Dissonanz kein Mangel ist, sondern das eigentliche Mittel musikalischer Spannung. Ohne sie gäbe es keine Lösung, und eine durchgehend konsonante Musik wirkt kraftlos. Die Satzlehre regelt ihren Gebrauch in drei Schritten: Vorbereitung — der dissonante Ton erklingt zunächst als Konsonanz in derselben Stimme; Dissonanz — er bleibt liegen, während die anderen Stimmen weitergehen; Auflösung — er geht schrittweise abwärts in einen Akkordton über. Der Vorhalt folgt genau diesem Muster.
Historisch hat sich die Behandlung stetig gelockert. In der Vokalpolyphonie der Renaissance ist jede Dissonanz vorbereitet und geregelt; im Barock tritt der Dominantseptakkord (D7) als frei einsetzbarer Klang hinzu; im 19. Jahrhundert werden Auflösungen aufgeschoben oder umgedeutet, und im 20. Jahrhundert verliert die Unterscheidung in weiten Bereichen ihre bindende Kraft.
Abzugrenzen ist die Dissonanz von der Kakophonie: Jene ist ein technischer Begriff, diese eine Wertung.
Welche Intervalle als dissonant gelten, hat sich im Laufe der Geschichte verändert. Im Mittelalter galten Terzen als unvollkommen, später als Konsonanzen; die Quarte wechselte je nach Stimmlage ihren Status. Im 20. Jahrhundert wurde die Dissonanz schließlich von der Pflicht zur Auflösung befreit. ## Spielpraxis
Nimm Dissonanzen nicht zurück — sie wollen hörbar sein, sonst verliert die Auflösung ihre Wirkung. Gib dem dissonanten Ton Gewicht und der Auflösung Entspannung, nicht umgekehrt. Achte bei beweglicher Intonation darauf, die Spannung nicht durch Angleichen zu glätten. Und suche beim Erarbeiten die Dissonanzen gezielt auf; sie sind meist die aufschlussreichsten Stellen eines Satzes.