Absolutes Gehör
Fähigkeit, Töne ohne Bezugston exakt zu benennen.
Was es bedeutet
Absolutes Gehör bezeichnet die Fähigkeit, einen gehörten Ton ohne Vergleichston zu benennen — also zu sagen, dass es ein fis ist, ohne vorher ein a gehört zu haben. Demgegenüber steht das relative Gehör, das Abstände erkennt: Wer es besitzt, bestimmt jeden Ton, sobald ein Bezugston gegeben ist. Beide Fähigkeiten sind verschieden, und die zweite ist für das Musizieren die wichtigere.
Musikalische Verwendung
Der Nutzen des absoluten Gehörs ist begrenzter, als sein Ruf vermuten lässt. Es hilft beim Stimmen ohne Hilfsmittel und beim Notieren von Gehörtem. Beim Zusammenspiel dagegen zählt, ob jemand Intervalle, Akkorde und Stimmführung erfasst — und das leistet das relative Gehör. Dazu ist absolutes Gehör an eine bestimmte Stimmtonhöhe gebunden: Wer Töne in Bezug auf a' = 440 Hz gelernt hat, empfindet Musik in tieferer historischer Stimmung als verstimmt oder transponiert, was das Mitspielen erschweren kann. Auch beim Transponieren und beim Lesen transponierender Stimmen kann die Fähigkeit hinderlich sein, weil Gelesenes und Gehörtes auseinanderfallen.
Über Entstehung und Verbreitung gibt es unterschiedliche Auffassungen; ein Zusammenhang mit frühem Musikunterricht und mit Sprachen, in denen Tonhöhe bedeutungsunterscheidend ist, wird diskutiert. Sicher ist, dass sich die Fähigkeit im Erwachsenenalter allenfalls begrenzt erwerben lässt, während das relative Gehör in jedem Alter trainierbar ist.
Im Zusammenhang mit der Solmisation berührt die Frage das Verhältnis von festem und beweglichem Do: Das feste Do bindet die Silben an absolute Tonhöhen, das bewegliche an Stufen der Tonart und schult damit das relative Hören.
Spielpraxis
Investiere deine Übezeit in das relative Gehör, gleichgültig ob du absolutes besitzt oder nicht: Singe Intervalle, erkenne Akkordumkehrungen, verfolge Stimmführungen. Wer absolut hört, sollte dazu bewusst in Stufen denken üben — sonst fehlt genau die Fähigkeit, auf die es im Ensemble ankommt. Und lass dich nicht entmutigen, wenn du Töne nicht benennen kannst; für nahezu alles Musikalische ist das ohne Belang.