Clivis
Zweiton-Neume mit absteigender Bewegung.
Was es bedeutet
Die Clivis ist eines der Grundzeichen der Neumenschrift: ein Zeichen für zwei Töne auf einer Silbe, von denen der zweite tiefer liegt als der erste. Sie gehört damit zu den zweitönigen Neumen und bildet das Gegenstück zur aufsteigenden Zweitongruppe. Ein Neumenzeichen steht immer für eine Silbe des Textes — die Zahl der Töne darin kann von eins bis zu mehreren reichen.
Im Notenbild
Geschrieben wird die Clivis als ein zusammenhängender Zug, der zunächst nach oben führt und dann nach unten abknickt; in der Quadratnotation späterer Handschriften erscheint sie als zwei verbundene, nebeneinanderstehende Quadrate, von denen das höhere links steht; gelesen wird von links nach rechts, also erst der höhere, dann der tiefere Ton. Ein häufiger Anfängerfehler ist die Leserichtung bei übereinanderstehenden Köpfen: Dort, etwa beim aufsteigenden Pes, wird von unten nach oben gelesen. Frühe Neumen ohne Liniensystem geben nur die Richtung der Bewegung an, nicht deren genaue Größe; erst mit dem Liniensystem werden die Intervalle eindeutig.
Musikalische Verwendung
Ihren Ort hat die Clivis im einstimmigen liturgischen Gesang, wo sie zu den häufigsten Zeichen überhaupt zählt. Sie erscheint an Silben, die nicht mit einem einzigen Ton auskommen — am Ende von Wendungen, an betonten Silben, in der Kadenzbildung vor der Finalis. In den ältesten Handschriften tragen die Zeichen zusätzliche Striche und Buchstaben, die Aussagen über Vortrag und Tempo enthalten; deren Deutung ist Gegenstand der Semiologie.
Spielpraxis
Singe eine Clivis als eine Bewegung und nicht als zwei getrennte Töne: Das Gewicht liegt auf dem ersten, der zweite wird angeschlossen und abgerundet. Widerstehe der Neigung, den zweiten Ton zu betonen — er trägt die Silbe zu Ende. Beim Lesen aus Quadratnotation nimm die beiden Töne der Clivis bewusst in ihrer Reihenfolge — erst der höhere, dann der tiefere —, bis es sicher sitzt; die aufsteigende Zweitongruppe, der Pes, wird umgekehrt von unten nach oben gelesen.