Retrograd
Krebsgang, Umkehrung der Reihenfolge.
Was es bedeutet
Retrograd — rückläufig — bezeichnet die Umformung einer Tonfolge, bei der sie von hinten nach vorn gelesen wird. Im Deutschen heißt dieses Verfahren Krebs oder Krebsgang, nach der sprichwörtlichen Rückwärtsbewegung des Tieres. Die Töne bleiben dieselben, ihre Reihenfolge wird umgekehrt; Intervalle erscheinen entsprechend in umgekehrter Richtung.
Musikalische Verwendung
Der Krebs gehört zu den vier Grundgestalten, die sich aus einer Tonfolge ableiten lassen: Original, Umkehrung, Krebs und Krebsumkehrung. Von diesen ist er für das Ohr am schwersten als Ableitung zu erkennen, weil melodische Gestalt vor allem aus der Vorwärtsbewegung hervorgeht — eine rückwärts gelesene Melodie klingt meist wie eine neue. Im Notenbild dagegen ist die Beziehung leicht nachzuweisen.
In der kunstvollen Mehrstimmigkeit des späten Mittelalters und der Renaissance erscheint der Krebs in Kanons, bei denen eine Stimme dieselbe Linie wie die andere, aber rückwärts singt, und in Rätselkanons, bei denen die Anweisung zum Rückwärtslesen verschlüsselt ist. Auch im Barock gehört das Verfahren zum Bestand kontrapunktischer Künste. Größere Formen können als Ganzes krebsartig angelegt sein, sodass die zweite Hälfte die erste rückwärts wiederholt; das berührt sich mit der Bogenform.
Im 20. Jahrhundert wurde der Krebs in der Zwölftontechnik zu einer der vier Grundformen der Reihe und damit zu einem regelmäßig gebrauchten Verfahren.
Abzugrenzen ist der Krebs von der Umkehrung, bei der die Reihenfolge bleibt und die Richtung der Intervalle gespiegelt wird, und von der Krebsumkehrung, die beides verbindet.
In der Zwölftontechnik ist der Krebs eine der vier Grundgestalten der Reihe. In der älteren Musik erscheint er als Kunststück, etwa in Krebskanons, bei denen eine Stimme die andere rückwärts singt. Weil das Hören einer rückwärts geführten Linie schwierig ist, bleibt der Krebs oft eher Konstruktion als unmittelbar hörbares Ereignis. ## Spielpraxis
Wenn du Krebsformen in einem Stück suchst, verlass dich auf das Notenbild statt auf das Gehör. Gestalte rückläufige Linien als eigene musikalische Gestalt mit eigenem Verlauf. Und achte bei Krebskanons darauf, dass beide Stimmen gleich deutlich bleiben.