Tempus
Mensuralmaß des Brevis.
Was es bedeutet
Tempus bezeichnet in der Mensuralnotation die Teilung der Brevis: Es gibt an, ob diese zwei oder drei Semibreven umfasst. Es ist damit eine von mehreren Angaben, die zusammen die Mensur eines Stückes bestimmen — jede Stufe der Werthierarchie hat ihren eigenen Namen für die Frage, ob zwei- oder dreiteilig geteilt wird. Die dreiteilige Form heißt tempus perfectum, die zweiteilige tempus imperfectum.
Im Notenbild
Angezeigt wird das Tempus durch das Mensurzeichen am Beginn: ein vollständiger Kreis steht für die dreiteilige, ein Halbkreis für die zweiteilige Teilung der Brevis. Ein Punkt im Inneren des Zeichens betrifft die nächstkleinere Stufe, also die Teilung der Semibrevis. Aus dem Halbkreis ist das heutige Zeichen für den Viervierteltakt hervorgegangen; es ist also kein C für „common time", sondern der Rest eines Kreises, der die Unvollkommenheit der Zweiteilung anzeigte.
Musikalische Verwendung
Die Unterscheidung von perfekt und imperfekt hat einen weltanschaulichen Hintergrund: Die Dreiteilung galt als die vollkommene, weil sie auf die Dreifaltigkeit verwies. In der Praxis wurde diese Rangordnung im Lauf des 15. und 16. Jahrhunderts immer weniger wirksam, und die Zweiteilung setzte sich durch — bis sie im modernen System die alleinige Regel wurde und Dreiteiligkeit eigens angezeigt werden muss, durch Punktierung, Triolen oder eine dreiteilige Taktart.
Abzugrenzen ist Tempus als Teilungsangabe vom heutigen Wort Tempo, das die Geschwindigkeit meint. Beide gehen auf dasselbe lateinische Wort zurück, bezeichnen aber Verschiedenes.
Man unterschied tempus perfectum mit drei Semibreven je Brevis, bezeichnet durch einen Kreis, und tempus imperfectum mit zwei, bezeichnet durch einen Halbkreis. Aus diesem Halbkreis entstand das heutige Taktzeichen C. ## Spielpraxis
Kläre beim Lesen alter Quellen zuerst das Mensurzeichen, denn ohne diese Angabe sind die Notenwerte mehrdeutig. Für das Musizieren genügt in der Regel eine moderne Übertragung; sieh im Kritischen Bericht nach, wie der Herausgeber die Mensur aufgelöst hat, besonders bei Wechseln innerhalb eines Satzes.