Ausweichung
Kurzes Berühren einer anderen Tonart ohne endgültige Modulation.
Was es bedeutet
Ausweichung bezeichnet das kurze Berühren einer anderen Tonart, ohne dass die Grundtonart tatsächlich verlassen wird. Ein oder wenige Akkorde deuten vorübergehend eine fremde Tonart an, meist durch eine Zwischendominante oder einen kurzen Tonartbezug, bevor die Musik zur Ausgangstonart zurückkehrt.
Musikalische Verwendung
Am häufigsten geschieht eine Ausweichung durch eine Zwischendominante: Ein Dominantseptakkord, der nicht zur Haupttonart, sondern zu einer Nebenstufe gehört, lässt diese Stufe für einen Moment wie eine eigene Tonika erscheinen, ohne dass ein vollständiger Modulationsvorgang mit neuer Kadenz und länger anhaltendem Tonartgefühl folgt. Auch die kurzzeitige Berührung der Paralleltonart oder der Dominanttonart innerhalb eines Satzes zählt zu den Ausweichungen.
Abzugrenzen ist die Ausweichung von der Modulation: Während die Modulation die neue Tonart als Ziel etabliert und meist durch eine eigene Kadenz bestätigt, bleibt die Ausweichung episodisch – die Grundtonart gilt während und nach ihr weiterhin als Bezugspunkt. In der englischsprachigen Musiktheorie wird ein solches vorübergehendes Behandeln einer Nebenstufe wie eine Tonika oft als tonicization bezeichnet.
Ausweichungen sind vor allem in der Wiener Klassik und der Musik des 19. Jahrhunderts verbreitet, wo sie Durchführungsabschnitte und Verarbeitungspassagen harmonisch beleben, ohne die übergeordnete Tonartstruktur eines Satzes aufzugeben.
Spielpraxis
Achte beim Erkennen einer Ausweichung auf leiterfremde Töne, die sich schnell wieder auflösen, ohne dass eine neue Kadenz folgt. Beim Spielen kannst du solche Stellen klanglich leicht hervorheben, etwa durch eine minimale Verzögerung oder Betonung, um die kurze harmonische Färbung hörbar zu machen, ohne sie zu überzeichnen.