Gattungskontrapunkt
Kontrapunkt-Lehre in fünf Gattungen.
Was es bedeutet
Der Gattungskontrapunkt ist ein Lehrverfahren, das den kontrapunktischen Satz in fünf aufeinander aufbauenden Stufen vermittelt. Grundlage ist ein Cantus firmus in gleichen langen Notenwerten, gegen den der Lernende eine oder mehrere Gegenstimmen schreibt. Mit jeder Gattung kommen neue rhythmische Verhältnisse und neue Arten der Dissonanzbehandlung hinzu. Seine einflussreichste Darstellung fand das Verfahren in einem Lehrwerk des frühen 18. Jahrhunderts, das bis heute nachwirkt.
Musikalische Verwendung
In der ersten Gattung steht Note gegen Note; alle Zusammenklänge sind konsonant, und geübt werden Stimmführung, Bewegungsarten und das Vermeiden paralleler Quinten und Oktaven. In der zweiten stehen zwei Noten gegen eine, und auf dem leichten Taktteil dürfen erstmals Dissonanzen als Durchgänge erscheinen. In der dritten stehen vier Noten gegen eine, was Durchgänge, Wechselnoten und weitere Figuren ermöglicht. In der vierten ist die Gegenstimme synkopiert, sodass Vorhalte entstehen: Ein Ton wird vorbereitet, wird durch den Wechsel des Cantus firmus dissonant und löst sich abwärts auf. Die fünfte, der blühende Kontrapunkt, verbindet alle bisherigen Möglichkeiten in freier Mischung.
Der Nutzen des Verfahrens liegt in der Isolierung einzelner Probleme. Statt alle Schwierigkeiten zugleich zu bewältigen, übt der Lernende eine nach der anderen, bis sie im freien Satz selbstverständlich geworden sind.
Stilistisch orientiert sich die Lehre an der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts. Sie ist deshalb keine Beschreibung aller Musik, sondern eine Schule der Stimmführung, deren Grundsätze weit über diesen Stil hinaus gelten.
Das System geht auf Johann Joseph Fux zurück, der es 1725 in seinem Lehrwerk Gradus ad Parnassum darlegte. Die fünf Gattungen sind: Note gegen Note, zwei Noten gegen eine, vier Noten gegen eine, Synkopen mit Vorhalten und schließlich der gemischte, blühende Kontrapunkt. Generationen von Komponisten lernten danach, darunter Haydn, Mozart und Beethoven. ## Spielpraxis
Singe deine Übungen, bevor du sie abschließt — was sich nicht singen lässt, ist meist fehlerhaft. Prüfe jede Gattung zuerst auf Parallelen und auf die Behandlung der Dissonanzen. Und übe am Instrument, indem du den Cantus firmus spielst und die Gegenstimme dazu singst.