Gattungskontrapunkt
Kontrapunkt-Lehre in fünf Gattungen.
Was es bedeutet
Der Gattungskontrapunkt ist ein Lehrverfahren, das den kontrapunktischen Satz in fünf aufeinander aufbauenden Stufen vermittelt. Grundlage ist ein Cantus firmus in gleichen langen Notenwerten, gegen den der Lernende eine oder mehrere Gegenstimmen schreibt. Mit jeder Gattung kommen neue rhythmische Verhältnisse und neue Arten der Dissonanzbehandlung hinzu. Seine einflussreichste Darstellung fand das Verfahren 1725 in Johann Joseph Fuxens Lehrwerk Gradus ad Parnassum, das bis heute nachwirkt.
Musikalische Verwendung
In der ersten Gattung steht Note gegen Note; alle Zusammenklänge sind konsonant, und geübt werden Stimmführung, Bewegungsarten und das Vermeiden paralleler Quinten und Oktaven. In der zweiten stehen zwei Noten gegen eine, und auf dem leichten Taktteil dürfen erstmals Dissonanzen als Durchgänge erscheinen. In der dritten stehen vier Noten gegen eine, was Durchgänge, Wechselnoten und weitere Figuren ermöglicht. In der vierten ist die Gegenstimme synkopiert, sodass Vorhalte entstehen: Ein Ton wird vorbereitet, wird durch den Wechsel des Cantus firmus dissonant und löst sich abwärts auf. Die fünfte, der blühende Kontrapunkt, verbindet alle bisherigen Möglichkeiten in freier Mischung.
Der Nutzen des Verfahrens liegt in der Isolierung einzelner Probleme. Statt alle Schwierigkeiten zugleich zu bewältigen, übt der Lernende eine nach der anderen, bis sie im freien Satz selbstverständlich geworden sind.
Stilistisch orientiert sich die Lehre an der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts. Sie ist deshalb keine Beschreibung aller Musik, sondern eine Schule der Stimmführung, deren Grundsätze weit über diesen Stil hinaus gelten.
Generationen von Komponisten lernten danach: Haydn erarbeitete sich das Werk im Selbststudium und empfahl es dem jungen Beethoven, der es sich zum Nachschlagen zusammenfasste; Mozart besaß ein eigenes, von ihm kommentiertes Exemplar.
Spielpraxis
Singe deine Übungen, bevor du sie abschließt — was sich nicht singen lässt, ist meist fehlerhaft. Prüfe jede Gattung zuerst auf Parallelen und auf die Behandlung der Dissonanzen. Und übe am Instrument, indem du den Cantus firmus spielst und die Gegenstimme dazu singst.