Musica ficta
Mittelalterliche Praxis, Töne unnotiert zu erhöhen oder zu erniedrigen — so kam der Leitton in die modalen Sätze.
Was es bedeutet
Musica ficta — „erdachte Musik" — bezeichnet die Praxis, im Vortrag Töne zu erhöhen oder zu erniedrigen, die im Notentext nicht als verändert geschrieben stehen. Der Ausdruck meint zugleich diese Töne selbst: solche, die außerhalb des geregelten Tonvorrats der Hexachorde liegen und deshalb in der Lehre jener Zeit nicht regulär vorgesehen waren. Die ältere Bezeichnung dafür lautet musica falsa.
Musikalische Verwendung
Zwei Regeln führten zu solchen Veränderungen. Zum einen verlangte die Kadenz einen Leitton: In Modi, deren siebte Stufe einen Ganzton unter der Finalis liegt, wurde sie beim Schluss erhöht. Zum anderen galt es, bestimmte Intervalle zu meiden — den Tritonus im Melodieverlauf und die verminderte Quinte zwischen Stimmen; hier half die Erniedrigung eines Tones. Eine gängige Merkregel der Zeit verlangte, über einem langen Ton keine übermäßige Bildung entstehen zu lassen.
Dass diese Veränderungen häufig ungeschrieben blieben, hat einen praktischen Grund: Sie galten als selbstverständliche Anwendung bekannter Regeln, nicht als Bestandteil des Textes. Für heutige Ausgaben entsteht daraus ein bekanntes Problem, weil die Regeln nicht in allen Fällen eindeutig sind und verschiedene Herausgeber zu verschiedenen Lösungen kommen. Üblich ist, Vorschläge als kleine Vorzeichen über die Noten zu setzen, um sie vom überlieferten Text zu unterscheiden.
Geschichtlich ist die Praxis bedeutsam, weil durch sie der Leitton in die modale Musik einzog — und damit ein wesentlicher Schritt zur Dur-Moll-Tonalität getan war.
Welche Töne im Einzelnen erhöht oder erniedrigt werden sollen, ist eine der schwierigsten Fragen der Aufführungspraxis alter Musik. Leitlinien waren das Vermeiden von Tritonus und verminderter Quinte sowie die Leittonerhöhung an Kadenzen. ## Spielpraxis
Achte in wissenschaftlichen Ausgaben auf die kleinen Vorzeichen über dem System und kläre im Ensemble vorab, welche du ausführst — uneinheitliche Leittöne sind in einem modalen Satz sofort hörbar. Prüfe strittige Stellen am Zusammenklang, nicht nur an der eigenen Linie. Und wende die Erhöhung nicht flächendeckend an: Außerhalb der Kadenz ist sie meist nicht gemeint.