Raga
Modale Tonordnung Nordindiens.
Was es bedeutet
Ein Raga ist in der klassischen Musik Indiens weit mehr als eine Tonleiter. Er umfasst einen Tonvorrat, aber ebenso kennzeichnende melodische Wendungen, Schwerpunkt- und Zielton, verschiedene Verläufe aufwärts und abwärts, bestimmte Verzierungsarten und einen Ausdruckscharakter. Zwei Ragas können denselben Tonvorrat haben und dennoch grundverschieden klingen, weil die Art der Behandlung sie unterscheidet.
Da die Darstellung indischer Musiktheorie in europäischer Terminologie leicht in die Irre führt, ist bei jeder Übertragung Vorsicht geboten.
Musikalische Verwendung
Einige Züge lassen sich gleichwohl benennen. Die Musik ist einstimmig-melodisch und wird über einem ständig klingenden Bordun ausgeführt, der den Grundton — und meist die Quinte — festhält; alle Tonhöhen beziehen sich auf diesen frei gewählten Grundton, nicht auf eine absolute Stimmung. Die Ausführung ist zu großen Teilen improvisiert, jedoch innerhalb der strengen Ordnung, die der jeweilige Raga vorgibt.
Traditionell sind Ragas zudem mit Tageszeiten, Jahreszeiten und Stimmungen verbunden; welcher Raga wann gespielt wird, gehört zur Überlieferung. Die nordindische und die südindische Tradition unterscheiden sich in Terminologie, Systematik und Praxis erheblich; in der südindischen Musik werden Ragas aus systematisch geordneten Grundskalen abgeleitet.
Die Tonhöhen entsprechen nicht denen des europäischen temperierten Systems, und Verzierungen bestehen häufig aus gleitenden Bewegungen zwischen Tönen, die sich in europäischer Notation nur annähernd darstellen lassen.
Ein Raga legt neben der Tonauswahl charakteristische Wendungen, Haupt- und Nebentöne, Verzierungen sowie eine Stimmung fest, die als Rasa bezeichnet wird. Vielen Ragas ist traditionell eine Tages- oder Jahreszeit zugeordnet. Die Aufführung beginnt oft mit einem freien, unbegleiteten Teil, dem Alap, in dem der Raga Ton für Ton entfaltet wird, bevor Trommeln und Metrum hinzukommen. ## Spielpraxis
Nähere dich dieser Musik über Aufnahmen und, wenn möglich, über Unterricht in der Tradition; das Entscheidende steht in keiner Skalentabelle. Höre zuerst auf den Bordun und darauf, wie die Melodie sich zu ihm verhält. Und übertrage europäische Begriffe nur mit Vorsicht — „Skala" trifft den Sachverhalt nicht.