Antizipation
Vorausnahme eines Tons des folgenden Akkords.
Was es bedeutet
Antizipation nennt man die Vorwegnahme eines Tons, der eigentlich erst zum folgenden Akkord gehört. Der Ton erklingt bereits, während der vorangehende Akkord noch nachwirkt oder gerade wechselt, meist auf einem unbetonten Taktteil kurz vor dem eigentlichen Harmoniewechsel.
Anders als eine gewöhnliche melodische Vorausnahme bleibt die Antizipation stets an den kommenden Akkord gebunden: Der vorweggenommene Ton bildet für einen Moment eine Reibung mit dem noch klingenden alten Klang, bevor sich beide im neuen Akkord vereinen.
Im Notenbild
Die Antizipation erscheint meist als kurzer Notenwert, oft eine Achtel, unmittelbar vor dem Taktstrich oder dem Akkordwechsel. Häufig ist sie über einen Bindebogen mit dem folgenden, längeren Ton derselben Tonhöhe verbunden, sodass die betreffende Stimme einen Schritt früher wechselt als die übrigen.
Musikalische Verwendung
Antizipationen finden sich besonders in Kadenzen, etwa wenn der Grundton der Tonika schon im letzten Achtel des Dominantakkords erklingt und so den Schluss vorbereitet. Im mehrstimmigen Satz entsteht dadurch für einen Augenblick ein Mischklang aus Tönen beider Harmonien.
In der populären Musik, besonders in lateinamerikanischen Stilen wie Salsa oder Bossa Nova, gehört die sogenannte antizipierte Bassnote fest zum rhythmischen Grundmuster: Der Bass wechselt bereits vor dem Schlag, auf den der Akkordwechsel eigentlich fällt.
Abzugrenzen ist die Antizipation vom Vorhalt: Der Vorhalt hält einen Ton aus dem alten Akkord fest und löst ihn verspätet in den neuen Akkord auf, die Antizipation dagegen nimmt umgekehrt einen Ton des neuen Akkords vorweg. Beide Mittel wirken wie Spiegelbilder zueinander und lockern denselben unmittelbaren Wechsel zwischen zwei Akkorden auf.
Auch im Chorsatz und im homophonen Klaviersatz begegnet die Antizipation häufig als kleine rhythmische Auflockerung, wenn nicht alle Stimmen gleichzeitig in den neuen Akkord wechseln. Der antizipierende Ton verleiht dem Übergang dadurch eine leichte Vorwärtsbewegung, statt dass alle Stimmen blockartig gemeinsam umschlagen.
Spielpraxis
Achte beim Spielen auf die kurze Reibung, die durch die Antizipation entsteht, und nimm sie als beabsichtigten Effekt wahr, nicht als Fehler. Setze den vorweggenommenen Ton leicht und unbetont, damit er als Vorbereitung wirkt und nicht wie ein verfrühter Einsatz klingt. In rhythmischer Musik mit antizipiertem Bass hilft es, den eigentlichen Schlag innerlich mitzuzählen, damit die Verschiebung kontrolliert bleibt.