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Harmonik

Distanzprinzip

Das Distanzprinzip bezeichnet die Bildung von Skalen und Klängen aus gleich großen Intervallen. An die Stelle der ungleichmäßigen diatonischen Ordnung tritt ein regelmäßiges Muster, das die Oktave gleichmäßig teilt oder zwei Abstände im festen Wechsel verwendet.

Prinzip
gleiche Abstände statt Ganz-/Halbton-Wechsel
Gleichmäßige Teilung der Oktave
6 (Ganzton), 4 (kleine Terz), 3 (große Terz), 2 (Tritonus)
Wechsel zweier Abstände
Halbton–Ganzton: achtstufige Leiter
Folge
kein Zentrum, kein Gefälle

Gleiche Abstände

Die diatonische Leiter, Dur oder Moll, lebt vom Wechsel von Ganz- und Halbtönen. Das macht einzelne Töne wichtiger als andere: den Grundton, die Quinte, den Leitton. Das Distanzprinzip geht den umgekehrten Weg. Man wählt einen Abstand und baut daraus. Die Ergebnisse haben kein Zentrum und kein Gefälle.

Oktave in 6 Teile: die Ganztonleiter

c d e fis gis ais c 1 1 1 1 1 1

Sechs gleiche Schritte von einem Ganzton.

Oktave in 4 Teile: der verminderte Septakkord

Drei kleine Terzen übereinander, die vierte schließt zurück zur Oktave. Links c–es–fis–a, rechts es–fis–a–c: die Töne sind dieselben, nur der tiefste wechselt. Der Klang wiederholt sich nach einer Verschiebung um eine kleine Terz.

Oktave in 3 Teile: der übermäßige Dreiklang

Zwei große Terzen übereinander, die dritte schließt zurück zur Oktave. Auch hier sind beide Akkorde Umstellungen desselben Klangs.

Oktave in 2 Teile: der Tritonus

Zwei gleiche Hälften. Der Tritonus ist das einzige Intervall, das seine eigene Umkehrung ist.

Zwei Abstände im Wechsel: Halbton–Ganzton

c des es e fis g a b c ½ 1 ½ 1 ½ 1 ½ 1

Acht Töne pro Oktave, in der Theorie „Oktatonik“ genannt. Die Folge Halbton–Ganzton–Halbton–Ganzton … wiederholt sich viermal innerhalb der Oktave, jeweils um eine kleine Terz verschoben.

Im Glossar: Ganztonleiter · Übermäßiger Dreiklang · Tritonus

Überblick

BildungSchrittAnzahl pro OktaveBeispiel auf c
GanztonleiterGanzton6c d e fis gis ais
Verminderter Septakkordkleine Terz4c es fis a
Übermäßiger Dreiklanggroße Terz3c e gis
Tritonusübermäßige Quarte2c fis
Halbton–Ganzton-Leiter½ und 1 im Wechsel8 Tönec des es e fis g a b

Allen Distanzbildungen ist gemeinsam, dass sie sich nach wenigen Verschiebungen wiederholen. Von der Ganztonleiter gibt es nur zwei Formen, vom verminderten Septakkord drei, vom übermäßigen Dreiklang vier. Dazu fehlt ihnen das Gefälle, auf dem die tonale Kadenz beruht. Daraus ergibt sich ihre doppelte Verwendung: als schwebende Klangfarbe, die tonale Bezüge aussetzt, und als Scharnier für Modulationen, weil ein symmetrischer Klang sich in mehrere Richtungen auflösen lässt (siehe Harmonische Mehrdeutigkeit).

Eigene Grundlage seit 1900

Im 19. Jahrhundert erscheinen solche Bildungen zunächst als Durchgang innerhalb tonaler Zusammenhänge. Um 1900 werden sie zu eigenständigen Grundlagen des Tonsatzes. In der Analyse wird das Prinzip besonders auf die Musik von Liszt, Debussy, Bartók und Messiaen angewandt. Messiaens „Modi mit begrenzter Transponierbarkeit“ folgen ebenfalls dem Distanzprinzip: Sie bestehen aus symmetrischen Gruppen und lassen sich nur wenige Male transponieren, bevor sie sich wiederholen. Die Halbton–Ganzton-Leiter ist auch im Jazz verbreitet.

Mit den Kirchentonarten hat das Prinzip wenig gemein: Es steht dem modalen und dem tonalen Denken gerade entgegen.

Zum Üben: Spiele am Klavier den verminderten Septakkord c–es–fis–a und verschiebe ihn dreimal um eine kleine Terz nach oben. Du wirst bemerken, dass du immer denselben Klang hörst, obwohl du vier Akkorde gespielt hast: Es sind dieselben vier Töne, nur der tiefste wechselt. Das ist die Symmetrie. Verschiebst du den Akkord dagegen um einen Halbton, entsteht ein neuer Klang; mehr als drei verschiedene verminderte Septakkorde gibt es nicht.