Harmonische Mehrdeutigkeit
Harmonische Mehrdeutigkeit nennt man die Möglichkeit, einen Ton, ein Intervall oder einen Akkord je nach Zusammenhang verschiedenen Tonarten oder Funktionen zuzuordnen. Derselbe Klang lässt sich dadurch auf mehrere Weisen deuten, etwa enharmonisch, wenn dieselben Tasten verschieden notiert und verstanden werden.
- Voraussetzung
- Klang ohne eindeutigen Grundton
- Typische Beispiele
- verminderter Septakkord, übermäßiger Dreiklang
- Verwendung
- Drehpunkt für Modulationen
- Bedingung
- enharmonische Umdeutung
Ein Klang, mehrere Leben
Meist hat ein Akkord in seinem Zusammenhang eine eindeutige Deutung. Der verminderte Septakkord h–d–f–as dagegen besteht aus drei kleinen Terzen übereinander; mit der Terz zurück zum Grundton teilen vier kleine Terzen die Oktave gleichmäßig. Der Akkord hat keinen eindeutigen Grundton: Jeder seiner Töne kann als Leitton eines anderen Ziels gehört werden. Nur die Schreibweise legt fest, welcher gemeint ist; am Klavier werden alle Varianten mit denselben Tasten gespielt.
Der verminderte Septakkord, erstes Ziel: c
Der Klang h–d–f–as führt nach c-Moll oder C-Dur: Der Leitton h steigt nach c.
Derselbe Klang, anders geschrieben: Ziel Es
Mit ces statt h wird d der Leitton. Der Klang führt nach es-Moll (oder Es-Dur).
Noch einmal anders geschrieben: Ziel Fis
Mit eis statt f und gis statt as ist eis der Leitton. Der Klang führt nach fis-Moll.
Und das vierte Ziel: A
Mit gis als Leitton führt derselbe Klang nach a-Moll. Am Klavier klingen die vier Akkorde links gleich: Es sind dieselben Töne in anderer Schreibweise.
Im Glossar: Enharmonische Verwechslung · Distanzprinzip · Modulation
| Schreibweise | Leitton | Führt nach |
|---|---|---|
| h – d – f – as | h | c-Moll / C-Dur |
| d – f – as – ces | d | es-Moll / Es-Dur |
| eis – gis – h – d | eis | fis-Moll / Fis-Dur |
| gis – h – d – f | gis | a-Moll / A-Dur |
Als Drehpunkt
Komponisten nutzen die Mehrdeutigkeit für Modulationen. Ein Akkord, der in der alten und der neuen Tonart Sinn ergibt, dient als Drehpunkt und führt unauffällig in die neue Tonart. Im Hörbeispiel kehrt derselbe Klang viermal wieder und führt jedes Mal woanders hin. Auch der übermäßige Dreiklang ist mehrdeutig: Er besteht aus gleich großen Terzen und hat keinen eindeutigen Grundton. Beide Klänge gehören zu den Mitteln der romantischen und späteren Harmonik, in der die Grenzen zwischen Tonarten verschwimmen.
Abgrenzung
Die harmonische Mehrdeutigkeit ist nicht die Modulation selbst, also der tatsächliche Wechsel der Tonart. Sie ist auch nicht die Alteration, die einen Akkordton chromatisch verändert. Mehrdeutigkeit bezeichnet die Möglichkeit mehrerer Deutungen, nicht die Bewegung selbst. Die ausführliche Erklärung dieses Akkords steht im Artikel Der verminderte Septakkord.
Weiter auf Maikstrings
Verwandte Begriffe
Enharmonische VerwechslungDistanzprinzipModulationÜbermäßiger DreiklangSeptakkordAlterationLeitton
Redaktion: Maik Krohm · fachlich geprüft am 03.10.2026
← Zurück zum Glossar