Harmonische Mehrdeutigkeit
Möglichkeit, einen Ton, ein Intervall oder einen Akkord je nach Zusammenhang verschiedenen Tonarten zuzuordnen, etwa enharmonisch.
Was es bedeutet
Harmonische Mehrdeutigkeit nennt man die Möglichkeit, einen Ton, ein Intervall oder einen Akkord je nach Zusammenhang verschiedenen Tonarten oder Funktionen zuzuordnen. Ein und derselbe Klang kann dadurch auf mehrere Weisen gedeutet werden, etwa enharmonisch, wenn dieselben Tasten verschieden notiert und verstanden werden.
Musikalische Verwendung
Komponisten nutzen die Mehrdeutigkeit für Modulationen: Ein Akkord, der in der alten und der neuen Tonart Sinn ergibt, dient als Drehpunkt und führt unauffällig in die neue Tonart. Besonders mehrdeutig sind der verminderte Septakkord, der sich nach vier Tonarten auflösen lässt, und der übermäßige Dreiklang, der aus gleich großen Terzen besteht und keinen eindeutigen Grundton hat. Sie sind Mittel der romantischen und späteren Harmonik, in der Grenzen zwischen Tonarten verschwimmen.
Abzugrenzen ist die harmonische Mehrdeutigkeit von der eigentlichen Modulation, dem tatsächlichen Wechsel der Tonart, und von der Alteration, die einen Akkordton chromatisch verändert. Mehrdeutigkeit bezeichnet die Möglichkeit mehrerer Deutungen, nicht die Bewegung selbst.
Spielpraxis
Höre in einem Stück auf Stellen, an denen sich die harmonische Richtung überraschend ändert, und frage dich, welchen Klang du zuvor als Dominante, Leitton oder Zwischenschritt gehört hast. Gestalte solche Klänge im Vortrag offen und schwebend, damit ihre Doppeldeutigkeit hörbar bleibt, bevor sie sich für eine Auflösung entscheiden.