Disjunkt
Disjunkt nennt man eine Melodie oder Stimmführung, die überwiegend in Sprüngen verläuft, also in Intervallen ab der Terz. Das Gegenstück ist die konjunkte, stufenweise Führung. Beide Wörter beschreiben, wie eng die Töne einer Linie beieinanderliegen.
- Bedeutung
- Töne folgen in Sprüngen (Terz oder größer)
- Gegenstück
- konjunkt (Sekundschritte)
- Typisch für
- Dreiklangsmelodien, Fanfaren, Hornrufe, Bassläufe in Quinten
- Wirkung
- weit, offen, kräftig; schwerer zu singen
Schritte und Sprünge
Jede Melodie besteht aus Tönen, und jeder Übergang von einem Ton zum nächsten ist entweder ein Schritt (eine Sekunde nach oben oder unten) oder ein Sprung (ein größeres Intervall). Die Lehre nennt eine Linie konjunkt, wenn die Schritte überwiegen, und disjunkt, wenn die Sprünge überwiegen. Die beiden Beispiele zeigen den Unterschied am selben Rahmen: gleiche Taktart, gleicher Schlusston (c), aber eine ganz andere Klangbewegung.
Konjunkt: Schritt für Schritt
Jeder Ton liegt eine Sekunde neben dem vorigen. Die Linie bleibt eng beisammen, man kann sie fast nachsingen, ohne zu überlegen.
Disjunkt: in Sprüngen
Dieselbe Länge, derselbe Schlusston c, aber fast jeder Schritt ist eine Terz, Quarte, Quinte oder Sexte. Die Linie folgt den Tönen von C-Dur und a-Moll und klingt weit und offen.
Woran man eine disjunkte Linie erkennt
Disjunkte Melodien folgen oft den Tönen eines Dreiklangs. Das erklärt, warum Fanfaren, Signalrufe und viele Hornthemen so klingen: Auf Blasinstrumenten ohne Ventile liegen die erreichbaren Töne weit auseinander, die Melodie springt von selbst. Der Baustein Melodie beschreibt die Gewichtung: Die meisten eingängigen Melodien schreiten überwiegend, und der einzelne Sprung gewinnt seine Wirkung gerade dadurch, dass er die Ausnahme ist. Disjunkte Linien sind also eine bewusste Gegenfarbe, keine Normalform. Auch Bassstimmen wandern gern disjunkt, etwa von Grundton zu Quinte und zurück.
Für Sänger sind große Sprünge schwerer zu treffen als Schritte, weil das Ohr den Zielton vorher kennen muss. Deshalb gleicht man nach einem großen Sprung in Lehrbüchern der Melodiebildung häufig mit einem Schritt in die Gegenrichtung aus. Das ist eine Gewohnheit der Stimmführung, keine feste Regel.
In der älteren Tetrachordlehre hat „disjunkt“ eine zweite Bedeutung: Zwei Viertongruppen sind disjunkt verbunden, wenn zwischen ihnen ein Ganzton liegt, so wie bei c–f und g–c in der Dur-Tonleiter. Das Beispiel dazu steht auf der Seite konjunkt.
Häufige Fehler
- Jede Melodie in eine Schublade stecken: Fast alle Melodien mischen beides. „Disjunkt“ oder „konjunkt“ beschreibt, was überwiegt.
- Disjunkt mit „sprunghaft im Rhythmus“ verwechseln: Gemeint sind die Tonhöhen, nicht die Notenwerte.
- Terzen für Schritte halten: Ein Schritt ist eine Sekunde. Schon die Terz zählt als Sprung.