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Theorie

Harmonischer Dualismus

Der harmonische Dualismus ist eine Theorie des 19. Jahrhunderts, nach der Moll nicht ein getrübtes Dur ist, sondern dessen Spiegelbild. Der Durdreiklang entsteht von seinem Grundton aufwärts, der Molldreiklang von seiner Quinte abwärts. Hugo Riemann hat sie besonders vertreten.

Grundidee
Moll ist das Spiegelbild von Dur, nicht seine Abwandlung
Vertreter
Arthur von Oettingen, Hugo Riemann
Dur
von c aufwärts: c–e–g (große Terz, dann kleine Terz)
Moll
von g abwärts: g–es–c (große Terz, dann kleine Terz)
Heute
in ursprünglicher Form überholt, die Funktionstheorie wirkt weiter

Moll als Spiegelbild

Die übliche Erklärung sieht Moll als Dur mit erniedrigter Terz. Der harmonische Dualismus dreht die Betrachtung um: Dur und Moll sind gleichberechtigt und stehen zueinander wie Bild und Spiegelbild. Der Durdreiklang wächst vom Grundton aus aufwärts, große Terz und darüber eine kleine. Der Molldreiklang wächst nach dieser Lehre von seiner Quinte aus abwärts, nach demselben Muster. Die beiden Notenzeilen zeigen die Entsprechung: Dasselbe Terzenpaar, einmal aufwärts von c, einmal abwärts von g.

Dur: von c aufwärts (große Terz, dann kleine Terz; Zahlen = Halbtöne)

c e g 4 3

Der Ausgangston c, der Grundton, steht unten und ist markiert. Von ihm aus wachsen große Terz und kleine Terz nach oben und ergeben c–e–g.

Moll: von g abwärts, gespiegelt (große Terz, dann kleine Terz; Zahlen = Halbtöne)

g es c 4 3

Hier ist g der Ausgangston, oben, markiert. Von ihm aus wachsen dieselben Terzen nach unten, zuerst die große, dann die kleine, und ergeben g–es–c. Die Töne bilden den Molldreiklang c–es–g, bei dem nach dieser Lehre g die Prim und c die Quinte ist.

Die Entsprechungen im Überblick

Die Tabelle stellt beide Dreiklänge nebeneinander. Auffällig ist die Symmetrie: Beide enthalten einen Quintabstand zwischen den äußeren Tönen und bestehen aus einer großen und einer kleinen Terz. Der Unterschied liegt in der Reihenfolge, die der Dualismus als Spiegelung deutet.

Durdreiklang c–e–gMolldreiklang c–es–g
Ausgangston (Prim)c, der tiefste Tong, der oberste Ton
Richtung des Aufbausaufwärtsabwärts
Erste Terz vom Ausgangstongroße Terz (c–e)große Terz (g–es)
Zweite Terzkleine Terz (e–g)kleine Terz (es–c)
Name in der LehreOberklangUnterklang

Hugo Riemann, auf den die Funktionstheorie zurückgeht, machte den Dualismus zu einem Grundpfeiler seiner Harmonielehre.

Kritik

Der Dualismus war als physikalische Aussage gedacht: Wie Dur aus der Obertonreihe hervorgeht, sollte Moll aus einer Untertonreihe hervorgehen. Eine solche Reihe existiert aber nicht, denn ein klingender Körper erzeugt Obertöne und keine Untertöne. Der Molldreiklang steht in der Obertonreihe zwar auch, aber erst bei den Teiltönen 10, 12 und 15, weit hinter dem Durdreiklang bei 4, 5 und 6. Deshalb gilt die Lehre in ihrer ursprünglichen Form heute als überholt. Als Denkmodell, das Dur und Moll als gleichwertig behandelt, ist sie geblieben.

Zum Üben: Spiele beide Dreiklänge nacheinander und höre auf den Unterschied: einmal c–e–g, einmal c–es–g. Dieselben Terzen, anders gestapelt. Wie sich Dur und Moll im Ohr trennen, übst du in Akkorde hören.

Häufige Fehler

  • Dualismus für eine physikalische Tatsache halten: Eine Untertonreihe gibt es nicht. Es ist ein theoretisches Modell.
  • Mit „Dur und Moll sind verwandt“ gleichsetzen: Der Dualismus behauptet mehr, nämlich Spiegelsymmetrie.
  • Den Molldreiklang c–es–g von c aus lesen: Nach dieser Lehre ist g der Ausgangston, nicht c.