Kanon
Ein Kanon ist ein mehrstimmiges Stück, in dem die Stimmen nacheinander mit derselben Melodie einsetzen: Jede neue Stimme singt oder spielt nach, was die erste vorgemacht hat. Auf den Liedblättern im Notenarchiv steht nur eine einzige Stimme, die Melodie; Ziffern über den Noten zeigen, wo die nächste Stimme beginnt.
- Bedeutung
- Stimmen setzen nacheinander mit derselben Melodie ein
- Wort
- griechisch kanṓn, „Maßstab, Richtschnur, Regel“
- Notation
- eine einzige Stimme, die Einsätze sind mit Ziffern markiert
- Endlos kreisend
- Ringkanon (englisch „round“)
Dieselbe Melodie, zeitversetzt
Das Wort „Kanon“ kommt über das Lateinische aus dem Griechischen und bedeutet dort „Maßstab, Richtschnur, Regel“. Es passt zur Sache: Die erste Stimme gibt die Regel vor, alle weiteren folgen ihr. Das Wort hat zwei musikalische Bedeutungen: ein Lied, in dem nacheinander in bestimmtem Abstand zwei oder mehrere Stimmen mit der Melodie einsetzen, sodass ein mehrstimmiger Gesang entsteht, und ein Musikstück, dessen Thema nacheinander in allen Stimmen kontrapunktisch durchgeführt wird.
Meist sind die Stimmen identisch und setzen nur zeitlich versetzt ein. Sie verfolgen dann dieselbe Melodie auf gleicher Tonhöhe oder in der Oktave, wie im Notenbeispiel unten; es gibt aber auch Kanons, in denen die weiteren Stimmen im Abstand einer Terz, Quarte oder Quinte folgen. Die folgende Stimme kann die erste auch in einer festen Umformung bringen, statt sie genau zu wiederholen.
Ein Kanon in der Oktave: Stimme 2 setzt einen Takt später ein
Die untere Stimme pausiert im ersten Takt und spielt ab Takt 2 dieselben Töne wie die obere, eine Oktave tiefer. Ab Takt 2 erklingen beide gleichzeitig. In Takt 5 hält die obere Stimme ihr c, während die untere die letzte Zeile noch zu Ende spielt; Takt 6 gehört der unteren Stimme allein.
So liest du einen Kanon
Die Liedkanons im Notenarchiv sind mit nur einer Stimme notiert, der Melodie. An den Stellen, an denen die nächste Stimme beginnt, steht eine Ziffer, nämlich eine eingekreiste Zahl über den Noten. Du liest die Melodie also einmal und rechnest den Abstand der Einsätze in Takten: Bei „Bruder Jakob“ liegen zwei Takte zwischen den Einsätzen, bei „C-a-f-f-e-e“ vier.
| Stück im Archiv | Angabe auf dem Blatt | Einsätze | Takt und Tonart |
|---|---|---|---|
| Bruder Jakob | „Kanon für vier Stimmen“ | Stimme 2 in Takt 3, Stimme 3 in Takt 5, Stimme 4 in Takt 7 (Abstand: 2 Takte) | 4/4, ein ♭ (F-Dur) |
| C-a-f-f-e-e | „Kanon für drei Stimmen“ | Stimme 2 in Takt 5, Stimme 3 in Takt 9 (Abstand: 4 Takte) | 3/4, ein ♭ (F-Dur) |
| Kanon D-Dur (Pachelbel) | „Canon per 3 Violini e Basso continuo“ | nur eine Violinstimme notiert, die Einsätze der anderen Stimmen sind auf dem Blatt nicht zu sehen | 4/4 (C), zwei Kreuze (D-Dur) |
Die markierten Zellen zeigen den Abstand der Einsätze: zwei Takte bei „Bruder Jakob“, vier bei „C-a-f-f-e-e“. Pachelbels Kanon ist ein anderer Fall: Er ist für drei Violinen über einem Generalbass gesetzt, auf dem Archivblatt steht aber nur eine Stimme. Wer die Einsätze der anderen sehen will, braucht die Partitur.
Kanons im Notenarchiv
Liedkanons
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Bruder Jakob Volkslied · Melodie mit Akkordsymbolen · 1 Seite
Unter dem Titel steht „Kanon für vier Stimmen“. Vier eingekreiste Ziffern stehen über der Melodie: 1 über Takt 1, 2 über Takt 3, 3 über Takt 5 und 4 über Takt 7. Das Stück hat acht Takte in 4/4 mit einem ♭, jede Stimme setzt also zwei Takte nach der vorigen ein.
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C-a-f-f-e-e Carl Gottlieb Hering (1766–1853) · Melodie mit Akkordsymbolen · 1 Seite
Unter dem Titel steht „Kanon für drei Stimmen“. Eingekreiste Ziffern stehen über Takt 1, 5 und 9; das Stück hat zwölf Takte in 3/4 mit einem ♭. Über der letzten Note der Takte 4, 8 und 12 steht eine Fermate.
Instrumentalkanon
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Kanon D-Dur Johann Pachelbel (1653–1706) · Violine · 1 Seite
Der Titel nennt „Canon per 3 Violini e Basso continuo“, das Blatt enthält aber nur die Stimme „Violine“ (4/4, zwei Kreuze). In den ersten acht Takten stehen nur halbe Noten mit Bögen. Wie die beiden anderen Violinen einsetzen, ist auf diesem Blatt nicht zu sehen.
Abgrenzung
Ein Kanon, der quasi unendlich wiederholt werden könnte, heißt Ringkanon, englisch „round“. Bei solchen Kanons sind alle Stimmen musikalisch gleich, und jede Gruppe beginnt dasselbe Lied etwas später als die vorige. „Bruder Jakob“ im Notenarchiv setzt mit zwei Takten Abstand ein, „C-a-f-f-e-e“ mit vier. Ob die Blätter im Kreis wiederholt werden sollen, steht nicht darauf. Nicht jeder Kanon ist ein solches Lied: Pachelbels Kanon ist ein durchkomponierter Kanon von drei Violinen über einem Generalbass-Ostinato.
Häufige Fehler
- Zu früh oder zu spät einsetzen: Der Abstand gilt in Takten, nicht in Wörtern oder Noten. Zähle die Takte ab der Ziffer.
- Den Kanon wie ein einstimmiges Lied lesen: Die Zeile zeigt nur eine Stimme, aber ab dem zweiten Einsatz erklingen mehrere gleichzeitig. Halte die eigene Linie, auch wenn die anderen Stimmen erklingen.
- Den Abstand für festgelegt halten: Er ist nicht in jedem Kanon gleich. „Bruder Jakob“ setzt im Abstand von zwei Takten ein, „C-a-f-f-e-e“ im Abstand von vier.
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Verwandte Begriffe
ImitationKontrapunktMehrstimmigVolksliedLiedTaktTaktartFermateGeneralbassStimme
Redaktion: Maik Krohm · fachlich geprüft am 03.10.2026
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