Pikardische Terz
Ein Stück in Moll endet auf einem Dur-Dreiklang — plötzliche Aufhellung im letzten Moment.
Was es bedeutet
Von einer pikardischen Terz spricht man, wenn ein Stück oder ein Abschnitt in Moll auf einem Durdreiklang schließt. Die Terz des Schlussakkords wird erhöht, sodass aus der Molltonika eine Durtonika wird. Die Wirkung ist eine plötzliche Aufhellung genau im letzten Moment.
Musikalische Verwendung
Verbreitet war dieses Verfahren besonders in der Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts, wo Mollstücke sehr häufig auf einem Durklang endeten. Eine verbreitete Erklärung verweist auf die Akustik: Die große Terz erscheint in der Obertonreihe früher als die kleine, und der Durdreiklang galt als der vollkommenere, ruhigere Schlussklang. Die Moll-Terz über dem tiefsten Ton reibt sich zudem mit den Obertönen des Basses, was in halligen Räumen besonders auffällt. Daneben finden sich Schlussklänge ganz ohne Terz, die das Tongeschlecht offenlassen.
In späterer Musik wird die pikardische Terz seltener und bewusster eingesetzt; dort wirkt sie oft als Ausdruckswendung — als Trost, Wendung zum Licht oder überraschende Versöhnung am Ende eines ernsten Stückes.
Der Name ist in seiner Herkunft nicht sicher geklärt; die Erklärungen, die dafür angeboten werden, sind unbelegt, und die Bezeichnung hat sich unabhängig davon durchgesetzt.
Abzugrenzen ist die pikardische Terz von einem Wechsel in die Varianttonart, der eine ganze Passage betrifft: Hier wird nur der letzte Klang aufgehellt, das Stück selbst bleibt in Moll.
Die Herkunft des Namens ist unklar; er ist seit Rousseau im 18. Jahrhundert belegt. In der Musik der Renaissance und des Barock ist der Durschluss eines Mollstücks die Regel, weil die große Terz im Schlussakkord als stabiler galt. Spätere Komponisten setzten die Wendung bewusst ein, um am Ende Trost oder Aufhellung auszudrücken. ## Spielpraxis
Achte im Notentext auf das Versetzungszeichen im Schlussakkord — es wird leicht übersehen, weil das Ohr den Mollschluss erwartet. Intoniere die erhöhte Terz nicht zu hoch; sie soll ruhig klingen, nicht grell. Und gestalte den Schluss nicht als Effekt: Die Wirkung liegt gerade darin, dass sie sich ohne Nachdruck einstellt.